Vogelkunde - Vogelgesänge wechselhaften Ursprungs

Vogelkunde - Vogelgesänge wechselhaften Ursprungs

In der Regel sind es die Männchen, die mit ihrem Gesang das eigene Revier, ihr Territorium, deutlich machen und damit eine Doppelfunktion ausüben. Zum einen wollen sie mit ihren Liedern Weibchen anlocken, zum anderen männliche Rivalen fernhalten. Im Gesang steckt also ein permanentes Wechselspiel von Attraktion und Aggression.

Einer anderen, wesentlich komplizierteren Frage, ob jedes Vogelindividuum jedes Jahr das gleiche Lied singt, ging die amerikanische Biologin Elizabeth Derryberry nach. Bei den viele Jahre untersuchten Gesängen der Nachtigallenhähne ist nach ihren Forschungsergebnissen die Sachlage klar : Ihre individuellen Gesänge verändern sie im Verlaufe ihrer Lebenszeit kaum. Sie lernen also nach dem - in der Regel im ersten Lebensjahr entwickelten Gesang - kaum noch etwas dazu. Bei einer Lebenserwartung im Freiland von bestenfalls sechs bis sieben Jahren ist nach dieser Zeit dieser einmalige Gesang verschwunden.

Ganz anders sind die Verhältnisse beim Kanarienvogel, der jedes Jahr völlig neue Lieder singt. Nach Derryberry bildet diese Vogelart jeden Winter jene Hirnregionen zurück, die das Lernen der Gesänge koordinieren und speichern. Zum Frühjahr hin wachsen sie neu, so dass die Lieder immer wieder neu gelernt - komponiert - werden müssen. Mit dem hier beschriebenen Nerventod und Nerven-Neuwachstum hat sich auch unser bisheriges Wissen geändert, nämlich dass Nerven nur einmal heranwachsen, ihren Dienst tun und dann absterben.

Diese Entdeckung des Neuwachstums der Nerven wurde folgerichtig zuerst bei Vögeln gemacht, da Singvögel ihre Gesänge genau wie wir Menschen unsere Sprache lernen müssen. Daneben gibt es zwar auch Warn- und Kontaktrufe, die aber mit dem Gesang nichts zu tun haben. Die Gesänge der Vögel sind nicht in ihren Genen gelagert und können nicht von dort so einfach abgerufen werden. Die Erforschung des Vogelgesangs ist deshalb so von Bedeutung, weil sich biologische Ähnlichkeiten zum menschlichen Spracherwerb und -gebrauch auftun. So kann sich ein individueller Vogelgesang über viele Jahre im Klang so verändern, dass die älteren Töne für nachfolgende Generationen uninteressant sind und von ihnen nicht mehr "verstanden" werden können - ein tolles Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit an Vögeln.

Frau Derryberry hat in Kalifornien einer Gesellschaft von zwanzig, im angrenzenden Gebiet singenden Ammern, Gesänge aus der gleichen Region vorgespielt, die bis zu dreißig Jahre alt waren. Das Ergebnis : Die aktuellen Sänger reagierten kaum oder gar nicht auf die älteren "Partituren"; umgekehrt, wurden Ihnen jedoch aktuelle Lieder vorgespielt, reagierten sie nervös und begannen nach dem vermeintlichen Eindringling zu suchen, wie sie es auch bei "richtigen" Konkurrenten tun würden.

Die kalifornische Forscherin hat ihre Gesangskonserven nicht nur Männchen, sondern auch Ammer-Weibchen vorgespielt. Auch bei ihnen war die aktuelle Variante wesentlich beliebter, mit dem Unterschied, dass die Weibchen auch auf die alten Töne reagierten, die neuen jedoch wesentlich schneller zu den artüblichen Gesten des Paarungsverhaltens führten - offensichtlich waren sie sich weniger sicher als die Ammerhähne, dass vom Alten nicht doch noch eine Attraktion ausgehen könnte ..........übrigens, ist das nicht in mancher Hinsicht auch tröstlich ?

Bild ( Christian Garleff, Hamburg ) : Ein Schilfrohrsänger schmettert seinen Gesang - alle anderen Männchen seiner Art wissen über seinen Anspruch Bescheid.

Holger Jürgensen