Vogelkunde - Eine Heimstätte an der steilen Wand

Vogelkunde - Eine Heimstätte an der steilen Wand

Nur wenige Gebiete auf der Welt haben ein freundliches und artgerechtes Klima, so dass Vögel niemals Schutz suchen müssen. Und diese Geflügelten sind in der Regel auch nicht so wehrhaft, dass sie sich nicht um ein Versteck bemühen müssen, in dem sie vor ihren Feinden geschützt sind und sie ihre Jungen aufziehen können. Deshalb brauchen Vögel – zumindest vorübergehend - eine sie schützende Heimstätte.

Um dieses Heim erstellen zu können, werden sie Töpfer, Weber und Schneider, Flechter oder Maurer. Diese jeweiligen Handwerke werden natürlich nicht nur von einer Vogelgruppe beherrscht. Aber jede Art nutzt gemäß der Möglichkeit ihrer Anatomie und den gegebenen Bedingungen ihrer Umgebung die Techniken, die ihren Bedürfnissen am ehesten entsprechen.

So unvorstellbar es erscheint : Auch Vögel schaffen es, sich in harte Lehmwände einzugraben. Sie verfügen nur über ein einziges Werkzeug, nämlich über ihren Schnabel, der aber sehr effektiv arbeiten kann. Der Schnabel vom Bienenfresser – die zur Gruppe der Spinte zählen - ist schlank und erscheint uns sehr zart, soll er doch Bienen und andere Insekten aus der Luft fangen. Genau wie unser Eisvogel fliegt der Spint, wenn er mit dem Nestbau beginnt, wiederholt mit dem Schnabel voran gegen die immer gleiche Stelle einer Steilwand der Uferböschung. Es entsteht eine Kuhle, an der er sich festsetzen kann, um im erstaunlichen Tempo fortzufahren und einen schmalen Gang zu erstellen.

Im Gegensatz zum ausschließlich nur paarweise lebenden Eisvogel nisten die Bienenfresser in Kolonien. Das mag daran liegen, dass geeignete Nistplätze für diese Vogelart selten sind. Aber die hohe Zahl anwesender Artgenossen macht es den jungen, noch unverpaarten Vögeln, auch möglich, den Altvögeln bei der Bohrarbeit sowie bei der späteren Aufzucht der Jungen zu helfen - erstaunlich.

Höhlen mit nur einem Eingang können aber auch zur Todesfalle werden. Ein Vogel, der sich bei Gefahr darin zurückzieht, kann nur allzu leicht darin eingeschlossen werden, und mancher Höhlenbewohner versucht daher, dieses Risiko zu senken. Unser Kleiber führt seinen Namen auf das Mittelhochdeutsche zurück. Ein Kleiber war damals eine Berufsbezeichnung für Handwerker, die eine Lehmwand herstellten beziehungsweise eine Wand mit Lehm verstrichen. Unser Vogel verengt den Eingang seiner Brutstätte mit erdigem Lehm oder bei herrschender Trockenheit ersatzweise auch mit Dung von Wild- oder Haustieren, so dass zumindest niemand hineinschlüpfen kann, der größer als er selber ist. Sogar der nach den Jungen suchende Schnabel der Elster kann die Brut in der so gesicherten Höhle nicht erreichen.

Es ist vom afrikanischen Nashornvogel bekannt, dass er bei Brutbeginn seines Weibchens diese bis auf einen Schlitz mit Erdbrocken, die mit seinem Speichel durchweicht werden, regelrecht einmauert. In den folgenden Wochen muss das Männchen daraufhin allein die Familie mit Nahrung durch eine kleine verbliebene Öffnung versorgen, bis die heranwachsenden Jungen so viel Futter benötigen, dass das Weibchen die Höhle aufbricht und sich an der Futtersuche beteiligt. Kaum ist der Muttervogel draußen, bauen die Küken die schützende Mauer selbst wieder von innen auf.

Die runde oder backofen-förmige Nestmulde des Eisvogels ist mit unverdauten, als Speiballen ausgeschiedenen Fischgräten gefüllt. Die Kotspritzer der Jungvögel erreichen nicht die Öffnung der fünfzig bis neunzig Zentimeter langen Brutröhre, sondern fließen mit Gefälle ab. Auch diese stinkende Brühe kann als Abwehrmechanismus gegenüber Feinden angesehen werden, zumal die Eutiner Projektgruppe anlässlich ihrer Eisvogelschutzarbeiten eine zusätzlich hautätzende Eigenschaft festgestellt hat.

Foto ( Jürgensen ) : Der Kleiber kann als einziger einheimischer Vogel an einem Baum kopfüber hinunterlaufen

Holger Jürgensen