Vogelkunde - Plagen mit biblischen Ausmaßen - der Blutschnabelweber

Vogelkunde - Plagen mit biblischen Ausmaßen - der Blutschnabelweber

Bevor ein deutscher Landwirt eine neue Zuchtsorte einer Getreide-, Ölfruchtoder Leguminosenart, die man zunächst als Stamm bezeichnet, anbauen darf, sind dieser Nutzung mehrjährig amtliche Leistungsprüfungen vorgeschaltet, die erst dann zu einer endgültigen Zulassung des neuen Züchterproduktes führen ( oder auch nicht ) - vergleichbar mit einem Patent. Diese Freilandprüfungen auf sogenannten Versuchsfeldern sollten folgerichtig einer Umwelt ausgesetzt sein, über die auch der spätere Anbauer verfügt. Um eine Vergleichbarkeit der nebeneinander stehenden, zu prüfenden Stämme verschiedener Herkünfte mit ihren unterschiedlichen, genetischen Eigenschaften zu erreichen, müssen der Korrektheit wegen alle Prüflinge die gleichen Wachstumschancen erhalten, um zu einer von Zufällen unbeeinträchtigten Beerntung zu gelangen.

In der Regel sind es Sperlinge oder Grünfinken, die sich gesellig aus knicknahen Aufenthalten in schnellen Spurts auf diejenigen Prüfparzellen spezialisieren und stürzen, deren Reifezeit zu anderen zu prüfenden Stämmen deutlich variieren, und damit einen objektiven Vergleich ad absurdum führen.

Man stelle sich vor, dass so ein Versuchsfeld südlich der Sahara in Afrika liegen würde ! Hier lebt nämlich die häufigste Vogelart unserer Erde, der Blutschnabelweber, dessen riesigen Schwärme mit insgesamt auf 1.5 Milliarden geschätzten Exemplaren zu einer landwirtschaftlichen Plage werden und gewaltige Ernteschäden verursachen können - Schlafplatzansammlungen dieser Vogelart werden in der Literatur mit bis zu fünf Millionen Exemplaren angegeben.

Blutschnabelweber gehören zur großen und bunten Familie der afrikanischen Webervögel mit insgesamt 119 unterschiedlichen Arten. Sie leben gesellig und können Brutkolonien über eine Fläche eines größeren schleswig-holsteinischen Bauernhofes von 100 Hektar anlegen. Man hat sogar bis zu 6.000 Nester auf einem einzigen Baum gezählt. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen erscheint es aus afrikanisch-bäuerlicher Sicht verständlich, dass in den dortigen Kulturlandschaften wegen der erheblichen Ernteschäden bei Weizen, Hirse, Hafer, Buchweizen und Reis Gegenmaßnahmen erdacht worden sind.

Es wird berichtet, dass gegen die Vögel vorrangig zur Zeit der Mittagshitze mit den großen Versammlungen an den Trinkwasserstellen oder an den Schlafplätzen mit Sprengstoff, Benzin oder Chemikalien - sogenannten Orniziden - , vorgegangen wird. Im Jahre 1985 wurden zum Beispiel in Simbabwe 120 Millionen Vögel dieser Art auf diese Weise vernichtet.

Blutschnabelweber erhielten ihren Namen naheliegend auf Grund ihrer Schnabelfärbung. In ihrem Lebensraum der Halbwüsten fressen sie Süßgräser und je nach Aufzuchtzeit der Jungvögel Insekten. Aber auch diese Webervogelart hat natürliche Feinde, wie größere Heuschrecken, Reptilien und andere Vogelarten wie Reiher, Störche, Ibisse und Greife. Es wird berichtet, dass in Südafrika in einem Fall alleine 3.000 Webervogelnester durch Kuhreiher zerstört wurden.

Wie könnte man vor dem Hintergrund immer wieder veröffentlichter Meldungen, dass Menschen in Afrika bitteren Hungerzeiten ausgesetzt sind, helfen, damit diese durch Vögel bedingte Plage - neben den Folgen des Klimawandels und der oft politsch begründeten Misswirtschaft - reduziert werden kann ? Neben der Neuzüchtung bestimmter Getreidearten mit genetisch veränderten Eigenschaften wäre sicherlich nach Aussagen der Ingenieure für tropische und subtropische Landwirtschaft eine Anpassung der Erntezeit an die jährlich schwankende Zahl der Blutschnabelweber durch veränderte Saat- und damit Reifezeiten anzuraten.

Bilder ( Autor ) : Schwärme der Webervögel in Namibia gemeinsam mit Kudu- und Oryx-Antilopen beim Trinken

Holger Jürgensen