Vogelkunde - Raubmöwen, Piraten der Meere

Vogelkunde - Raubmöwen, Piraten der Meere

Unsere Spaziergänge führen uns bei sommerlichen Temperaturen gerne an die Küsten Schleswig-Holsteins, die vogelkundlich von vielen Möwen sehr unterschiedlicher Art und Ausfärbung bevölkert sind. Der lauschende Beobachter als Autor dieser Zeilen hört dann hin und wieder unter den "Luftschnappern" Gespräche, die sich warnend zu den dunkel gefärbten Großmöwen äußern, etwa mit dem Rat, auf eine Annäherung zu verzichten, da diese doch Raubmöwen seien.

Ornithologisch möchte man dann gerne zu einer Klärung beitragen, die darauf hinauslaufen würde, dass es sich um diese Vögel genauso auch um Silber-, Heringsoder Mantelmöwen handeln würde, nur dass diese Großmöwen in den ersten vier Jugendjahren ein sich langsam ins endgültige Pracht- und Alterskleid mauserndes bräunliches, stets heller werdendes Federkleid tragen. Ihre Verwandtschaft zu ausgewachsenen und damit dann erst geschlechtsreifen Individuen erscheint daher in ihrer Jugend kaum erkennbar.

Raubmöwen sind in unseren Breiten keine Brutvögel, sondern Hochseevögel, die pelagisch leben - die einen Großteil ihres Lebens auf der hohen See verbringen und nur zur Jungenaufzucht festen Boden aufsuchen. Ihre Heimat liegt in der Regel im Nordatlantik, und wir beobachten diese gelegentlich auf ihrem Zug in südliche Gewässer und zurück.

Wir unterscheiden vier Raubmöwenarten : Die Skua oder Große Raubmöwe, die Spatel- und die Schmarotzerraubmöwe sowie die kleinere Art namens Falkenraubmöwe. Neben geografischen Farbvariationen, den sogenannten dunklen und hellen "Morphen", vereinigt diese Vogelarten die Eigenschaft, dem Schmarotzertum oder Kleptoparasitismus zu frönen. Ihre furchtlosen Attacken und Jagdflüge mit ihrem habicht- oder falkenähnlichem Auftauchen erzeugen oft panikartiges Verhalten in nachbarlichen Brutkolonien anderer Meeresvögel und gelten einem breiten Band von Nahrungsopfern. Das Abjagen und das Erzwingen des Herauswürgens der Beute der von See den Brutfelsen ansteuernden Pelagen - außschließlich an Küsten brütende Wasservögel wie Dreizehenmöwen oder Papageitauchern - gleicht der Verhaltensweise der Raubritter des Mittelalters, hier mit Sturzflügen bis 80 km/h.

Neben der geschilderten Nahrungsbeschaffung stehen bei manchen Raubmöwenarten nicht nur Fische und von Bord gehende Fischabfälle auf ihrem Programm, sondern auch Kleinvögel sowie deren Eier und Jungen, Aas und Zivilisationsabfälle. Im Besonderen spielen die Gradationsjahre der Lemminge, jene Ausprägung einer Fluktuation zwischen Massenvermehrung und ihrem Zusammenbruch, eine entscheidende Rolle, die beim Ausbleiben auch zum totalen Brutausfall der Raubmöwen führen können. Da die Laufgänge und Nester der Nager meist sehr flach angelegt sind, weil die Torfschicht in ihren Brutgebieten nur maximal 15 Zentimeter auftaut, werden Lemminge oder ihre Nachzucht in Sibirien, Island, Grönland und Nordkanada sogar von den Vögeln regelrecht und erfolgreich ausgegraben.

Wenn auch die Schwimmhäute eines Fußes einer Raubmöwe nachweislich den Wärmehaushalt auf Eis ausgleichen kann - der 38 `C warme Vogel senkt dort die Temperatur auf erstaunliche 3.3 `C ab, während vergleichsweise auf einem Fels 12.3 `C gemessen wurden - ziehen alle genannten Raubmöwenarten im Herbst oder bei sich schließender Eisdecke in tropische oder subtropische Meere, um in deren kalten Strömungen reichlich Nahrung zu finden. Nordatlantische Vögel tauchen dann von der Elfenbeinküste bis vor Namibia auf, und sie werden bei Stürmen oft auch weit ins Binnenland verdriftet, so zum Beispiel bis ins europäische Russland hinein.

Holger Jürgensen

Fotos : ( K. Pfeifer, HH ) Falkenraubmöwe auf der norwegischen Varanger-Halbinsel
           ( Autor ) Silbermöwe im 2. Kalenderjahr, hier mit einem Ring der Vogelwarte Hiddensee im Hafen von Neustadt