Vogelkunde - Glockengeläut und Muezzin-Rufe zum Gebet

Vogelkunde - Glockengeläut und Muezzin-Rufe zum Gebet

Sonntägliches Glockengeläut aus der Ferne - ein fast sinnlicher Genuss in der von allen akustischen Ablenkungen befreiten Landschaft. In ihrer Nähe wird die kirchliche Aufforderung zur Teilnahme am Gottesdienst aber besonders deutlich und lautstark, was den Autor an einen Ausspruch des Reichskanzlers Otto Fürst von Bismarck in Erinnerung bringt : "Das Glockengeläut sei die Artillerie der Geistlichkeit".

Der Ornithologe beobachtet die Dohlen- und Straßentaubenschar, die beim ersten Glockenschlag aufschrickt, aber offenbar darin keine Gefahr erkennt und daher sehr schnell wieder ihre luftigen Plätze einnimmt. Dem Beobachter stellt sich jedoch die Frage, wie halten sie "diesen Krach" eigentlich aus. Unsere Mediziner erklären uns, dass lärmbedingte Hörschäden nicht heilbar sind, und daher meiden wir ( vernunftbegabten ) Menschen eine hohe Dauerbeschallung und hohe Schallpegelwerte. Gilt dies nicht auch für Vögel ?

Verschiedene Autoren haben durch Dressurversuche ermittelt, dass Vögel einen deutlich engeren Hörbereich besitzen als wir Menschen. Nach den Professoren Bezzel und Prinzinger ( Ornithologie, 1990 ) haben wir einen unteren Hörbereich von 16 Hertz ( Hz ), einen oberen von 24000. Unser Bereich höchster Empfindlichkeit liegt zwischen 1000 und 2800 Hz. Die Werte für einzelne Vogelarten liegen dazu im Vergleich bei der Taube bei 1000 bis 4000 Hz, beim Uhu nur bei 1000 Hz, bei der Waldohreule bei erstaunlichen 6000 Hz, bei der Schleiereule zwischen 3000 und 6000 Hz, und unser Star hört bei 2000 Hz besonders gut.

Vögel besitzen keine Ohrmuschel wie die Säuger, die als ein Schallempfangsgerät wirken könnte; daher ist ihre äußere Gehöröffnung von einem Kranz kleiner Federn umgeben, die diese Funktion übernehmen. Zur Schallortung und zum Richtungshören müssen zudem intensive Kopfbewegungen ausgeführt werden, besonders bei unseren Eulen, die ja meist Tiere jagen, deren Hauptsinneswerkzeug auch das Ohr ist.

Zurück zum Glockengeläut und seine Wirkung auf das "feine Gehör" der Vögel : Gibt es mögliche Schutzeinrichtungen, die einen Verschluss des Gehörganges gegen heftige Druckschwankungen auf das Trommelfell verhindern würden ? In der Literatur sind Schwellkörper beim Auerhahn bekannt, die diese Funktion übernehmen. Um die Frage jedoch anatomisch zu beantworten, müssen wir wissen, dass zwei kleine Muskeln im Ohr der Vögel einen mechanischen Filter auslösen, indem das auch uns eigene Gehörknöchelchen die Schwingungen des Trommelfells reduziert an das Innenohr weiterleiten kann. Reflexartiges Verspannen dieses Gehörknöchelchens blockiert die Schwingungen des Trommelfells und demnach die Weiterleitung von extremen Schallgeräuschen.

Fliegende Kirchenturmbewohner sind zahlreich; Weißstörche, Turm- und Wanderfalken, Straßentauben, Mauersegler und Dohlen - sie alle sind hervorragend vor gewaltigen Schallgeräuschen geschützt; und nun verstehen wir auch, warum das Uhupaar in den Segeberger Kalkberghöhlen in aller Gelassenheit wieder die sommerlichen Gewehr- und Revolverschüsse der Karl-May-Wildwestakteure ertragen - und dabei zwei Jungtiere großgezogen - hat.

Holger Jürgensen

Fotos ( Autor ) : Störche in der Türkei den Rufen des Muezzin "ausgesetzt"
                       Junge Walohreule versucht, Auge und Gehör zu fokussieren