Vogelkunde - Stehen auf einem Bein

Vogelkunde - Stehen auf einem Bein

Anlässlich einer unserer letzten vogelkundlichen Wanderungen machte uns ein jugendlicher Begleiter darauf aufmerksam, dass ein vor uns ruhender Vogel "nur noch über ein Bein verfüge", danach sogar nur auf diesem Bein hüpfen könne, um sich fortzubewegen. Andererseits sah das Tier normal und gesund aus, zeigte auch darüber hinaus keine weiteren Auffälligkeiten.

Eine Erklärung war schnell gefunden : Jeder von uns hat bestimmt schon einmal einen Storch oder einen anderen Stelzvogel beobachtet, wenn dieser ruht oder schläft und dabei auf einem Bein steht, während das zweite im Federkleid versteckt ist. Dieses Verhalten kann man am besten bei langbeinigen Vogelarten erkennen, ist jedoch nicht nur ihnen vorbehalten, denn sogar Singvögel stehen bei besonderen Anlässen nur auf einem Bein.

Welche Funktion liegt diesem auffälligen Verhalten unserer Vögel und welcher körperliche Mechanismus zugrunde ? Der an der Ruhr-Universität Bochum forschende und lehrende Professor Reinhold Necker hat sich mit unserer Frage ausführlich beschäftigt.

Da geht es in erster Linie um die Notwendigkeit, auf einem Bein das Gleichgewicht halten zu können. Wir wissen, wie wichtig diese Fähigkeit vor der Einschulung unserer Kinder ist - auf einem Bein balancieren und hüpfen können sind positive Zeichen einer ausreichenden motorischen Entwicklung. Unser Körper ist jedoch im Gegensatz zum Vogel vertikal und nicht horizontal zur Schwerkraft ausgerichtet, was unseren gefiederten Freunden eine "aufwändige Gewichtsregulierung" abfordert, die ihnen jedoch keine besonderen Kräfte abverlangt, da diese Körperstellung nur durch die gezielte Beugung seines Oberschenkels bewirkt wird.

 

Auf einem landwirtschaftlichen Betrieb beobachten wir vergleichsweise Pferde beim Weidegang; manche Reittiere legen sich zum Schlafen, andere dösen im Stehen - immerhin auf vier Beinen. Damit sie nicht umfallen, arbeitet ihr Kniegelenk nach Erschlaffung der Muskeln wie ein Flaschenschnappverschluss oder wie der Schnappmechanismus eines Taschenmessers. Um nicht einzuknicken oder dadurch umzukippen - was wir Menschen in einer solchen Situation zweifellos schmerzhaft erleben müssten - , arbeitet das Fersengelenk des Vogels ähnlich. Dieses ( Intertarsalgelenk ) sprechen wir beim zu beobachtenden Vogel fälschlicherweise als Knie an; das eigentliche Kniegelenk sitzt beim Vogel aber unsichtbar versteckt unter dem Federkleid.

Necker nennt das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, Rezeptoren in den Muskeln - Reize auslösende Sinneszellen - sowie das Sehsystem als Garanten für eine ausreichende, wenig energieaufwändige Stabilität auf einem Bein. Erst kürzlich entdeckte man bei Vögeln ein zusätzliches Gleichgewichtsorgan im Rückenmark, mit dem rasche Korrekturen der Beinhaltung besonders auch im Schlaf ermöglicht werden, wenn die Augen geschlossen bleiben.

Die Wissenschaft erscheint sich nicht sehr einig, wenn sie sich zur Begründung des Stehens auf einm Bein in der Vogelwelt äußern soll. Am Beispiel des Flamingos deutet man das Verhalten damit, dass sein Blut leichter in seinen Körper zurückfließen könne, oder dass der Vogel sich leichter im Wind drehen und bei böigem Wind ausrichten könne; weitere Argumente - erscheinen uns aber mehr als spekulative Varianten - , um als Vogel auf einem Bein zu stehen, sind Schutz vor Räuber oder dass nur eine Hälfte des Gehirns schläft - aber wenn beide Augen geschlossen sind, sagt die Wissenschaft, schläft auch das ganze Gehirn. Weiterhin spielen bei unseren warmblütigen Vögeln Kälteperioden eine Rolle, wenn der unbenutzte Fuß und oft auch der Kopf im Gefieder versteckt werden, wodurch ein zusätzlicher Wärmeschutz gegeben wäre.

Fotos ( Jürgensen ) : Weißstorch im Rostocker Zoo
                               Kampfläufer daselbs
                               Stelzenläufer auf Lesbos / Griechenland

Holger Jürgensen