Falsch beraten! Ganzjährige Fütterung unserer Vögel wichtig

Falsch beraten! Ganzjährige Fütterung unserer Vögel wichtig

Es ist an der Zeit, dass die unwissenschaftliche und unökologische Beratung hinsichtlich der Fütterung unserer Gefiederten durch die Naturschutzverbände in der von uns Menschen geschaffenen Kulturlandschaft eingestellt wird. Mit Genugtuung und Dankbarkeit nehmen wir den Erkenntniswechsel der größten Naturschutzorganisation Schleswig-Holsteins zur Kenntnis.

Am Montag, dem 4. Juni 2019 wurde das Thema "ganzjährige Fütterung der Vogelwelt" zu mehreren Tageszeiten im NDR 1/Welle Nord positiv behandelt; der Tenor des Themas der Interviewpartner war ebenfalls bejahend; es kam auch der Vertreter einer Naturschutzorganisation mit einer Zustimmung zu Wort, dessen entscheidenden Gremien bisher von einer Ganzjahresfütterung abrieten. Ja, diese Vereinigung riet bis 1978 und erneut 1986 - selbst von einer Fütterung der Vögel zu Winterszeiten ab - mit Ausnahme bei einer Schneelage. Mit Genugtuung und Dankbarkeit nehmen wir den Erkenntniswechsel der größten Naturschutzorganisation Schleswig-Holsteins zur Kenntnis.

In Vorbereitung zu der Veröffentlichung eines Zeitungsbeitrages lag nachstehender Beitrag des bisherigen Vorsitzenden der Vogelschutzgruppe Eutin-Bad Malente e. V., Holger Jürgensen in seinen Akten, der Ihnen jetzt bekannt gemacht werden soll. Normalerweise bringt die Presse zu Beginn der Winterzeit Beiträge zur Fütterung unserer (Garten-) Vögel. Der "Arbeitsgruppe Vogelschutz Eutin" liegt sehr viel daran, zum Thema einer ganzjährigen Vogelfütterung - also auch im Sommer - Argumente vorzutragen und das bisher dogmatische Bild einer auf die kalte Jahreszeit beschränkten Hilfe der Avifauna zu korrigieren. Leider wurde in der Vergangenheit durch einige Naturschutzverbände der Mythos von grundsätzlich nutzlosen und ökologisch unsinnigen Vogelfüttern gepredigt. Die wissenschaftlichen Fakten sprechen aber dagegen. Die Vogelschützer-Nation Nummer eins, England, hat schon vor 40 Jahren damit begonnen, ganzjährig zu füttern, und dies also nicht nur im Winter.

Nach diesen Erfahrungen brüten zusätzlich gefütterte Individuen früher, legen mehr Eier, und ihre fitteren Jungen haben eine bessere Überlebenschance. Der Erfolg einer ganzjährigen Fütterung ist deutlich im Garten mit mehreren Nistkästen festzustellen - ohne Fütterung sind immer nur wenige Nisthilfen besetzt, mit Fütterung fast alle. Deutschlands bekanntester Ornithologe, Prof. Peter Berthold, Direktor i. R. des MaxPlanck-Instituts für Ornithologie und der Vogelwarte Radolfzell, bringt zu diesem Thema ein schlüssiges Beispiel : Wenn man nur bei Frost füttert, ist das so, als wenn ein Wirt erst fünf Minuten vor zwölf sein Mittagstischschild am Gasthaus anbringt. Dazu muss man wissen, dass Vögel bei morgendlichen Temperaturen von minus 10 Grad gerade eine Stunde Zeit haben, um etwas Fressbares zu finden und ihren Energiehaushalt anzuheizen. Wer ganzjährig füttert, der wird staunen, wie viele Vögel zum Futterhaus kommen. Berthold geht - rein nach einer statistischen Hochrechnung - von 30 bis 70 Arten täglich aus, natürlich nicht an einem Futtertisch, sondern bundesweit gesehen in Bayern kam sogar ein Auerhahn ans Futterhaus!

Ein vermeintlich ökologisches Argument gegen das Füttern lautet, dass man doch nur "Allerweltsarten" fördere ( - übrigens, was ist das für ein herablassender Ausdruck für Sperling, Amsel und Co ? ). Gerade das kann passieren, wenn man die Richtlinien zur Winterfütterung mancher Naturschutzverbände folgt, und nur bei Schneelage die Versorgung sicherstellt. Natürlich kommen die nicht so seltenen Arten häufiger zur Fütterung; sie sind ja auch reichlicher in der Natur vorhanden - also kommen sie auch zahlreicher. Seltenheiten muss man lange anfüttern; sie schauen den anderen Vögeln auf Abstand zu und überwinden nur langsam ihre Scheu, sagt Prof. Berthold. Vögel leben mit einer Körpertemperatur von 43 bis 44 Grad. Keime am Futterhaus haben daher fast keine Möglichkeit, sich zu etablieren.

Es gibt eine wissenschaftliche Arbeit über die Infektionsgefahr an Futterstellen. Dabei kam heraus, dass selbst an Vogelhäuschen, die 12 Monate nicht gesäubert wurden, die Vögel gesund blieben. Eigentlich ist das nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, welche Bedingungen die Vögel vor unserer Zeit in den Dörfern vorfanden - nämlich Schlammstraßen voller Fäkalien, wie es heute noch notgehorchend auf manchen viehhaltenden Betrieben vorkommt. Interessant ist eine nachstehende Rechnung des Ornithologen Dr. Peter Berthold von der Vogelwarte Radolfzell : In der Mitte des letzten Jahrhunderts produzierten die Unkräuter ( pardon : Wildkräuter ) vor der Erfindung der Herbizide in der deutschen Agrarlandschaft über eine Million Tonnen Samen.

Die Ältesten unter uns Lesern werden sich noch an hohe Besätze der Kulturarten mit Ackersenf, Hederich, Distel, Vogelmiere, Melde und Ungräsern erinnern. Das Grünland wurde damals erst Anfang Juli gemäht, weil aus dem Gras Heu und noch nicht Silage gewonnen wurde; so war es möglich, dass frühreife Grasarten bereits Samen trugen. Die ganzjährige Vogelfütterung ist aber nur ein schwacher Ausgleich dessen, was wir den Vögeln durch die Perfektion unserer Landbewirtschaftung weggenommen haben; wir sollten daher auch eine moralische Verpflichtung zum Füttern empfinden. Deshalb sind Meisenknödel auch im Sommer wichtig. Ideal ist die Kombination aus Körnerstreufutter und Fett. Vögel verbrennen Fett in ihren Flugmuskeln, während wir Menschen Kohlenhydrate für unsere Bewegungsabläufe benötigen. Vögel fliegen während der Jungenaufzucht deutlich mehr, wenn sie die für ihre Nachzucht notwendigen Insekten fangen.

Natürlich ist es vorteilhaft, den Garten vogelfreundlich mit entsprechenden fruchttragenden Bäumen und Büschen zu bepflanzen, aber Beeren und Obst reichen nicht aus - die Gefiederten würden verhungern, denn sie benötigen Samen. Berthold rechnet erneut vor : Selbst ein 500 Quadratmeter großer Wildkräutergarten erzeugt nur fünf Kilogramm Sämereien im Jahr. Das reiche gerademal für drei Grünlingspaare. Für die Ernährung aller Gartenvögel bringe das Vogelhaus mehr. Zur Jungenaufzucht benötigen unsere Vögel Insekten, und diese ganz entscheidende Anforderung zum Erhalt der Populationen hat man mit einem Angebot eiweißreichen Spezialfutters untersucht - aber es funktionierte nicht.

Der allgemeine Rückgang an Insekten ist ein riesiges, eventuell überhaupt das entscheidende Problem für manche Vogelarten. Wer noch vor 50 Jahren mit dem Auto unterwegs war, musste häufig die Scheiben säubern, weil sich eine Schmierschicht aus toten Insekten gebildet hatte. Es gibt heute nur noch ein Viertel der damaligen Menge an Insekten, die zum Beispiel in die wissenschaftlich genutzten Lichtfallen geraten. Vogeleltern müssen also heute fleißiger sein, und es hilft ihnen durch die Ganzjahresfütterung wenigstens genug "Treibstoff" tanken zu können. Übrigens : Mit 50 Gramm Fett kann ein Sumpfrohrsänger von Deutschland nach Südafrika fliegen! Es ist nun an der Zeit, dass die unwissenschaftliche und unökologische Beratung hinsichtlich der Fütterung unserer Gefiederten durch die Naturschutzverbände in der von uns Menschen geschaffenen Kulturlandschaft eingestellt wird.

Nicht nur Besucher der Futterhäuser leben vom Menschen - viele Vogelarten besuchen Mülldeponien, leben vom Beifang der Fischerboote, von Verlusten bei der Verladung von Getreide, von Getier hinter dem Pflug, auf dem Acker nach der Ausbringung von Gülle, von Dreschrückständen oder nutzen unsere Nistkastenaktionen. Es hat noch niemand sein Gesicht verloren, wenn er seinen bisherigen Standpunkt auf Grund neuerer Untersuchungen aufgeben muss. Aber unhaltbare Argumente gehören in die Mottenkiste und sollen den immer wieder verunsicherten Vogelfreund nicht mehr belasten.

Foto ( Dirk Schümann, Pönitz ) : Kleiber an der Futtersäule im Sommer Foto ( Christian Garleff, Hamburg ) : Großer Buntspecht an der Sommerfütterung im August

Holger Jürgensen

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