Vogelkunde: Wenn Vögeln der Magen knurrt

Vogelkunde: Wenn Vögeln der Magen knurrt

Die Frage, in welcher Jahreszeit ein Vogel den größten Hunger verspürt, ist zunächst nicht so einfach biologisch zu beantworten. Wichtiger wäre die Fragestellung nach einem zeitlich besonders erhöhten Nährstoffbedarf des Vogels.

Begrüßenswert hat sich daher die ganzjährige Fütterung der Stadt- und Gartenvögel aus Menschenhand in der Bevölkerung durchgesetzt. Kritische Zeiten einer nicht ausreichenden Versorgung können am Federkleid abgelesen werden 

Wenn im Frühjahr die Balz- und Brutzeit beginnt, ist die Eiablage eine erste hohe energetische Herausforderung an ein Vogelweibchen. In der Folge ist der größte Teil des Tages dann auf dem Gelege zu verbringen, um der jungen Brut Wärme und damit Energie zu spenden; die verbliebene Zeit erscheint dann für das Vogelweibchen - je nach Arbeitsteilung auch für seinen Partner - knapp genug, um selber auf ausreichende Futtersuche zu gehen. Der nachfolgende Sommer hat zwar helle und lange Tage, aber die Jungen werden größer, und ihr Mengenbedarf an Futter steigt. Einige Vogeleltern fliegen dabei nachweislich bis zu 400 mal am Tag kräftezehrend das Nest an.

In der zeitlichen Folge findet dann in der Regel die Mauser statt, eine Zeit des komplizierten, erneut energetisch aufwändigen Federwechsels. Im Falle eines Zugvogels ist der Spätsommer oder Herbst die Zeit des Aufbruchs in Regionen mit längeren Tagesstunden und eventuell höherem Futterangebot. Für den mehr oder weniger weiten Flug hat er sich Reserven anzufressen, während die daheim gebliebenen Vogelarten ihre Mauser beenden, und sie erhöhen dabei die Zahl ihrer wärmenden Federn für die Winterzeit. Sie werden in Abhängigkeit vom Wettergeschehen ausreichende Futterstellen im Lande suchen müssen, um ihre sehr hohe Körpertemperatur von 42 - 44 `C erhalten zu können. Nach dieser vorangegangenen Schilderung scheint ein Vogel das ganze Jahr über fressen zu müssen, und das tut er ja bekanntlich auch.

Begrüßenswert hat sich daher die ganzjährige Fütterung der Stadt- und Gartenvögel aus Menschenhand in der Bevölkerung durchgesetzt. Kritische Zeiten einer nicht ausreichenden Versorgung können am Federkleid abgelesen werden - besonders auffallend bei größeren Vögeln wie Greifen mit großen Einzelfedern. Seit dem Beginn des vorigen Jahrhunderts sind die sogenannten Hunger- oder Mangelstreifen als auftretende Anomalien in der Bildung der Feder wissenschaftlich beschrieben - der Falkner nennt sie "Grimale". Diese transparenten Querlinien auf den Federfahnen sehen aus, als wenn jemand mit einem Messer darüber geschabt hätte. Wahrscheinlich entstehen sie in einer frühen Jugendphase durch Stoffwechselstörungen oder durch Mangelernährung. Aber auch Parasitenbefall durch Federmilben an den Kielen der Flügel- und Schwanzfedern kann die Ursache sein sowie Verletzungen durch einen zu engen Käfig oder Transportgerät. Ein hoher Anteil nestjung oder während der Mauser im Jugendstadium durch den Menschen zur Beringung gefangener Vögel zeigt oft die beschriebene Federschädigung, was in diesem Fall auf Stress zurückzuführen ist.

Im örtlichen Bereich der Anomalie ist die Ablagerung von Keratin während des Federwachstums gestört - dem Gerüsteiweiß, das wir auch in Haaren, Nägeln, Klauen, Hörner und Geweihen finden. Die Strukturschädigung im Hungerstreifenbereich führt unter Belastung zum Abbrechen von Federästen, was im Extremfall zu einer Flugunfähigkeit führen kann. Besonders gepflegte und wertvolle Greifvögel in Menschenhand, die von Falknern zur Beizjagd eingesetzt werden, können in Vogelkliniken beispielsweise in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder in den USA aufwändig versorgt werden. Für entsprechend geschädigte oder verletzte Individuen werden diese dort in einem komplizierten Verfahren mit artgerechten Ersatzfedern versorgt, die nach Entfernen der geschädigten Feder in die noch lebend verbliebenen Kiele implantiert werden. Diese "Reparatur" wird "schiften" genannt, die bis zur folgenden Mauser des Vogels seine volle Flugfähigkeit wiederherstellen soll.

Foto ( Autor ) : Handschwingenverletzungen bei einer Schleiereule durch verschrecktes Anfliegen des Volierengitters

Holger Jürgensen
www.vogelschutzeutin-badmalente.de

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