Vogelkunde Hungerzeiten, die verschlafen werden

Vogelkunde Hungerzeiten, die verschlafen werden

Man stelle sich vor, Vogeleltern hätten einen Nachwuchs zu versorgen, der noch nackt und hilflos im Nest liegt, aber es herrscht mehrere Tage sehr schlechtes Wetter, sodass die Altvögel nicht erfolgreich auf Insektenfang gehen können - für viele Vogelarten wäre diese Konstellation eine Katastrophe;.

Je kleiner ein Organismus - der Jungvogel - desto größer ist vergleichsweise seine Oberfläche und desto größer auch der ständige Wärmeverlust. Anlässlich sommerlicher Kaltlufteinbrüche in Mitteleuropa können erwachsene Mauersegler diesen Unbilden der Natur ausweichen; da sie sich außerhalb des Nestbereiches ausschließlich in der Luft aufhalten, umfliegen sie die Schlechtwetterbedingungen großräumig - zum Teil um mehrere hundert Kilometer. Um durch das Ausbleiben einer Fütterung und dem auf sich zukommenden Hungertod der Jungvögel zu entgehen, hat sich die Natur eine Besonderheit einfallen lassen : Die noch nicht flugfähigen Jungen im Nest können den gefährlichen Hunger- und Kälteperioden durch das Fallen in eine Lethargie begegnen, einem weitgehenden Schlafzustand, der wissenschaftlich "Torpor" genannt wird.

Der Torpor ist am besten als eine Art Hungerstarre zu verstehen und entspricht dem im deutschen Sprachraum bekannten Verklammen der Tiere. Das Wort Torpor entstammt dem Lateinischen und meint eine Erstarrung oder Betäubung. Stoffwechsel und Energieumsatz der betroffenen Tiere sind auf ein Minimum reduziert, so dass das Leben zwar erhalten bleibt, dieses jedoch auf Sparflamme verläuft. Die lethargischen Verhaltensweisen gehen mit einer Absenkung der Körpertemperatur einher - ausgehend von normalen 41 bis 44 `C auf einen Grenzwert von 18 bis 20 `C. Diese untere Temperaturbegrenzung ist für einen Torpor übrigens identisch mit der der Säuger im Winterschlaf.

Noch niedrigere Werte, die in der Wissenschaft publiziert werden, können nur messtechnische Fehlinterpretationen sein ! Aus Körpertemperaturen von unter 15 `C - wie sie für Kolibris beschrieben werden - können sich die Vögel jedoch nicht mehr selbst aktiv aufheizen - sie sind letztlich für den Vogel tödlich. Geringfügige Absenkungen der Körpertemperatur bei Nahrungsknappheit oder Kälte gehören sicher auch zur normalen Regelung eines gleichwarmen Tieres in unseren mitteleuropäischen Zonen; unter den bekannten heimischen Gartenvögeln sind die Amsel, verschiedene Meisenarten, der Grünfink, beide Sperlingsarten und der Birkenzeisig daraufhin wissenschaftlich untersucht. Sicher sind noch zahlreichere Vogelarten zu erwarten, die Nahrungsmangel oder Frostgrade auf dieser Art und Weise begegnen.

Im Gegensatz dazu verfügen die Körper wechselwarmer Tierarten wie Fische, Insekten, Reptilien und Amphibien - sie sind die zahlreichsten Tiere der Erde - grundsätzlich über die jeweils herrschende Umgebungstemperatur, weshalb sie auch zu den Arten gehören, die unter der globalen Erwärmung erwartungsgemäß besonders leiden werden. Zwei abschließende Gedanken bewegen den Autor : Wie lange dauerte wohl die Zeit, die die Natur benötigte, um die genetische Entwicklung von besonders erfolgreichen Überlebensstrategien unserer Vogelwelt wie zum Beispiel des Torpors zu entwickeln ? Man sagt, dass Mutationen "vor unserer Haustür" ablaufen können, nach dem Motto "Erfolg und Irrtum"; erinnert sei an Darwin und an seine Finken; aber welche Kraft steckt dahinter?

Foto ( Edda Kreidelmeyer ) : Offenbar verklammter junger Mauersegler

Holger Jürgensen
www.vogelschutzeutin-badmalente.de

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