Vogelkunde Wie das "Filetstück der Vogelküche" nach Grönland kam

Vogelkunde Wie das "Filetstück der Vogelküche" nach Grönland kam

Wir kennen Wacholderdrosseln, die zu Beginn eines jeden Winters sehr gesellig und laut "schackernd" aus dem Norden bei uns eintreffen und sich über die nicht von uns abgeernteten Obstbäume in unseren Gärten sowie über beerentragende Sträucher hermachen. Unsere Vorfahren nannten diese Vogelart Krammetsvogel, weil sie zur damaligen Zeit offenbar der Krammets- oder Wacholderbeere besonders zugetan war.

Sie werden in der Regel von der kleineren Rotdrossel begleitet, die in einer ähnlichen Brutheimat den Sommer verbringt und gleichfalls als Kurzstreckenzieher gilt. Neben der Lerche waren Krammetsvögel früher eine der gesuchtesten Leckerbissen in deutschen Landen. In Bernhard Kathans Zusammenstellung "Verschwundene und seltene Gäste der Speisekarte" schwelgt der Autor ausführlich in der Zubereitung dieser Drosselart - natürlich nur aus historischer Sicht, denn diese Vogelart unterliegt heutzutage verständlicherweise dem Naturschutz und nicht mehr dem Jagdrecht. Dieser winterliche Invasionsvogel wurde damals in durchdachten Freilandfallen gefangen und auf den Märkten feilgeboten, von wo die Drossel in die Küche wanderte und mit Grießmehlklößen, Speck, allerlei Gewürzen sowie mit Semmelschnittchen auf den Tisch kam.

Dass auch Vogelwanderungen nicht immer das angepeilte Ziel erreichen, ist zwar in vielen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen, aber bei der Wacholderdrossel ist vor nunmehr 80 Jahren ein besonderer Fall dokumentiert, über den berichtet werden soll, denn auch Vögel haben manchmal ihre eigene Pioniergeschichte - und diese hier ist gut belegt. Am 19. Januar 1937 startete ein Schwarm Wacholderdrosseln an der norwegischen Küste über Südschweden und weiter nach England, eigentlich ein Routineflug, der seit Generationen in den Vögeln genetisch programmiert war. Aber dieses Mal kam es anders, indem ein einsetzender Südoststurm mit bis zu 10 Windstärken die Flugschar nach Nordwest drückte.

Es begann ein wahrer Kraftakt, aber die Vögel hielten durch und erreichten nach einem 15- bis 20-stündigen Irrflug in stockfinsterer Nacht sowie ständig über dem Wasser fliegend die Insel Jan Mayen - 1.200 Kilometer von ihrem Startpunkt entfernt ! Und noch am gleichen Tage erreichten sie im Weiterflug die Nordostküste Grönlands, wo zu der Zeit Polarnacht herrschte. Sie erholten sich irgendwie von ihrem Gewaltflug und orientierten sich wieder in ihre normale Flugrichtung nach Südwest. Dieses Mal packte sie ein Nordoststurm und drückte sie über Schneefelder und Inlandeis, bis sie am 27. Januar 1937 die Südspitze Grönlands erreichten - nach einer Woche Irrflug. Hier "beschlossen" die Vögel, dass es nun genug sei und blieben. Seitdem gibt es Wacholderdrosseln als Standvögel an der Südostspitze der größten Insel der Erde.

Dieser Bericht schließt fast wie in einem Märchen - der Norddeutsche würde vielleicht kommentieren : "Meis lögenhaftich to vertelln". Und dennoch erscheint der biologische Ablauf dieses Irrfluges durchaus glaubhaft - ist er doch auch von seriösen Vogelkundlern bezeugt. Wer denkt nun im Nachhinein noch an ein sogenanntes, schmackhaftes "Filetstück" der Wacholderdrossel, deren Artgenossen Anno 1937 zu so einem abenteuerlichen Unternehmen mit glücklichem Ausgang befähigt waren ?

Foto ( Dirk Schümann, Pönitz ) : Wacholderdrossel in ihrer Brutheimat auf Nahrungssuche

Holger Jürgensen

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