Vogelkunde - Der Tannenpapagei, der Vogel mit dem gekreuzten Schnabel

Vogelkunde - Der Tannenpapagei, der Vogel mit dem gekreuzten Schnabel

In der siebzehntausend Einwohner zählenden Schweizer Barockstadt Solothurn - in der Größe vergleichbar mit der Kreisstadt Eutin - , gelegen auf der Linie zwischen den Städten Basel und Bern, spricht man bekanntlich ein langsames Schweizerdeutsch - Schwizerdütsch oder auch Schwiizertüütsch. Dort nennt man den Fichtenkreuzschnabel auch "Tannenpapagei", und das klingt dort wie "Danababegei".

In der Tat entspricht der Vogel mit seinem Verhalten, wenn er auf dem Fichten- oder Kiefernzapfen herumklettert, einem Papagei. Sein gekreuzter Schnabel befähigt ihn, die Schuppen von Tannenzapfen oder einer anderen Koniferenart emporzuhebeln, um anschließend die eigentlichen Samen mit der Zunge herauszulösen. Dabei ist es dem Vogel offenbar egal, ob seine Unterschnabelspitze am Oberschnabel nach links oder rechts vorbeigewachsen ist. Hat man das Glück, einen Kreuzschnabel mit seinem kräftigen Spezialbesteck in die Hand zu bekommen, fallen am Hinterkopf die Ansatzstellen der sehr ungleich ausgebildeten Kiefernmuskeln sowie besonders die ebenfalls ungleich ausgebildeten Unterkiefergelenke auf - notwendige Anatomie für seine spezielle Nahrungsbeschaffung. Fichtenkreuzschnäbel sind Vagabunden in unseren Nadelwäldern und sind nicht immer leicht zu beobachten, wenn sie in den Kronen der Bäume ihrem Nahrungserwerb nachgehen; erst ihre hohen und metallisch klingenden "gip, gip, gip - Rufe" weisen oft auf ihren Aufenthaltsort hin.

Die Paarung unserer Kreuzschnäbel findet häufig im Spätwinter statt, wenn der Frost die Kiefern und Fichten befähigt, ihren Samenwurf leichter durchzuführen - sie kann aber zu allen Jahreszeiten erfolgen. Wenn eine Vogelart in unüblichen Jahreszeiten seinen Nachwuchs aufzieht, hat das Nest sehr robust zu sein, so dass es selbst einem Schneesturm standhalten muss. Auch die Jungvögel sind im Vergleich zu anderen Vogelarten hart im Nehmen, was das Wetter anbelangt. Oft hat das Männchen witterungsbedingt eine besondere Aufgabe, indem es nicht nur für die Nestlinge die Nahrung herantragen muss, sondern auch für sein Weibchen, das die Brut in dieser Zeit besonders sorgfältig hudern, nämlich die noch nackten oder schwach befiederten Jungen mit ihrem Körper abdecken und wärmen muss. Diese werden noch unverhältnismäßig längere Zeit von den Altvögeln versorgt, da sich ihre Schnäbel erst mit fünf Wochen einsatzfähig kreuzen, um dann selbstständig einer Nahrungssuche nachgehen zu können.

Die Verdauung der einseitigen und fetten Nahrung aus den Samen von Fichten, Lärchen und Kiefern erfordert ein "Medikament", so dass sich Kreuzschnäbel häufiger als andere Finkenvögel auf besonders mineralhaltigen Böden aufhalten; sie sind auf der Suche nach einer Nahrungsergänzung an mörtelhaltigen Bauplätzen beobachtet worden, beim Picken auf alten Fensterkitt und sogar auf fäkalhaltigen Böden - vermutlich sind es besondere Salze und Kalk, die ihnen bei der Verdauung helfen. Mit einem Blick auf den uns vorliegenden "Zweiten Brutvogelatlas für Schleswig-Holstein" lässt sich zusammenfassend sagen, dass das Vorkommen des Fichtenkreuzschnabels abhängig ist von Jahren mit reichem und reifem Zapfenvorkommen. Die Atlaskartierungen geben nur grobe Anhaltspunkte von 200 bis 2000 Paaren wieder, da die Bestände im Zusammenhang mit sehr unterschiedlichen Invasionsjahren schwanken.

Foto ( Christian Garleff, Hamburg ) : Fichtenkreuzschnabel als Irrgast auf Helgoland - nutzt die Frucht der Kamtschatka- oder "Kartoffelrose"

Holger Jürgensen

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