Vogelkunde: Pestvogel mit raffinierter Farbkombination des Federkleides

Vogelkunde: Pestvogel mit raffinierter Farbkombination des Federkleides

Falls wir einen Schüler oder eine Schülerin bitten würden, einen Vogel in der Größe des allgemein bekannten Stars zu zeichnen, mit der zusätzlichen Aufgabe, die farbliche Verteilung seines Federkleides dem eigenen Schönheitsempfinden und der jugendlichen Fantasie zu überlassen - das begabte Kind würde einen Seidenschwanz entwerfen.

Der Vogel trägt einen Federschopf, besitzt eine schwarze, ausdrucksvolle Augenmaske und einen gleichfarbigen Kehllatz, rotbraun bis graubraune Farbtöne des Rücken- und Bauchgefieders, eine gelbe Schwanzendbinde und "neckische-verspielte" Farbtupfer verteilt in gelb, rot und weiß auf den ansonsten grauschwarz gefärbten Flügeln ! Das Vorkommen dieses schönen Vogels wird bereits im Jahre 107 v.Chr. durch die Römer erwähnt; im 17. Jahrhundert erhielt er in Europa vielfach den Namen "Pestvogel" - wir finden aber auch die Namen Kriegs- und Sterbevogel, in der Schweiz das "Sterbevögeli" und in Bayern den "Böhmer oder auch Böhmlein", nachzulesen in der "Naturgeschichte für Kinder" aus dem Jahr 1841. Menschen der damaligen wirren Zeiten des ausgehenden Mittelalters lebten bekanntlich zwischen Gottes- und Aberglauben, deuteten das sporadisch-plötzliche Auftauchen von schwärmenden Seidenschwänzen mit einer Ankündigung von Pandemien oder Kriegen.


Foto ( Autor ) : Seidenschwanz-Invasion in Eutin im Jahre 2010

Dessen ungeachtet werden diese Vögel in den Niederlanden noch heute wörtlich mit dem Artnamen "Pestvogel" geführt. Seidenschwänze sind äußerst robust und kommen selbst mit den im Winter harten Bedingungen des hohen Nordens gut zurecht. Tiefe Temperaturen ertragen sie ohne Weiteres, doch in unregelmäßigen Abständen ziehen sie in den Wintermonaten in großen und geselligen Scharen in südlichere Regionen. Keineswegs kann man aber die gehäuft einfliegenden Vögel als Vorboten eines bevorstehenden strengen Winters bei uns betrachten. Vielmehr bestimmt im Wesentlichen das Zusammenwirken der einzelnen Faktoren Populationsüberschuss, Ausfall der Früchte der Eberesche als Hauptnahrung und die örtliche Wetterlage das Ausmaß des Einströmens in unser Land. Das Brutgebiet des Seidenschwanzes liegt im hohen Norden, im Nordteil des finnischen und russischen Taigagürtels, wo seine Hauptnahrung aus Insekten besteht. Als unsere Gäste wechselt er seine Nahrungsquelle. Wenn Früchte der Eberesche ( Vogelbeere ) oder der Mehlbeere bereits abgeerntet sind, werden weiches Obst wie Äpfel und Birnen am Baum oder auf dem Boden angenommen. Man liest, dass Seidenschwänze "unersättliche Genießer" seien, und da sie über ein besonders schnelles Verdauungssystem verfügen, wird ihre Nahrung zum Teil auch nur halb verdaut wieder ausgeschieden.


Foto ( Christian Garleff, Hamburg ) : Besuch aus der Taiga in einem Früchte tragenden Baum

Auch gegorene und damit leicht alkoholisierte Früchte werden dank einer darauf besonders entwickelten Leber gefressen. Ob diese im Februar 2013 dennoch ihrer Aufgabe nicht gewachsen war, als es im Kurpark des baden-württembergischen Bad Boll zu einem Massenunfall von 100 Seidenschwänzen kam, oder ob ein verglaster Steg zu einer tödlichen Irritation der Vögel führte, bleibt wohl für immer unbeantwortet. Noch einmal zum Thema der Namen des Seidenschwanzes in Europa; so heißt er - durchaus für uns noch nachvollziehbar - in seinen Brutgebieten Schwedens und in Norwegen "Sidensvans" sowie als Wintergast auf Helgoland "Sidenstert oder Sidenswenske". Sein wissenschaftlicher Name lautet "Bombycilla garrulus" - im Gattungsnamen ist das Fremdwort "bombyx" für Seide enthalten, und die Artbezeichnung "garrulus" ist mit Schwätzer zu übersetzen, vergleichbar im Namen des Eichelhähers. Falls der Naturfreund während der Wintertage einen Starenschwarm beobachtet, sollte er ein zweites Mal genauer hinsehen - es könnten den Staren ähnliche Flugbilder der Seidenschwänze sein; durch ihre auffälligen und klingenden Rufe verraten sie sich dann jedoch sehr schnell.

Holger Jürgensen

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