Vogelkunde: Von einem tragisch-komischen Held mit real beklagenswerter Vergangenheit

Vogelkunde: Von einem tragisch-komischen Held mit real beklagenswerter Vergangenheit

Er machte sich unbeliebt, der Rabe "Hans Huckebein", weil er der Tante Lotte in den Finger und anschließend noch in die Nase biss, mit Heidelbeermarmelade an den Füßen über ihre Bügelwäsche lief und dann ein Glas Likör leerte - der tragischkomische Vogel erhängte sich im Suff an einem Strickzeug der Tante.

dieses Malheur schrieb kein geringerer als der Erfinder der Comics, nämlich Wilhelm Busch. Jene Geschichte konnte der Erstklässler im Jahre 1943 in seiner Fibel natürlich noch nicht selber lesen, aber ihm ist bis heute dort das Bild eines "einsamen" Raben im verschneiten Garten in Erinnerung geblieben, der, auf einem Pfahl sitzend, den harten Winter sozusagen beklagte. Beklagenswert ist auch die Geschichte unserer bussardgroßen Kolkraben in den letzten Hundert Jahren. Während er im 19. Jahrhundert bei uns noch weit verbreitet war, wurde er danach als angeblicher Schädling der Jagd und der Landwirtschaft stark durch Verfolgung dezimiert.

Besonders das Auslegen von Gifteiern brachte den Bestand praktisch endgültig um 1940 zum Erliegen, so dass nur noch wenige Exemplare in Schleswig-Holstein zur Brut schreiten konnten; in angrenzenden Gebieten brach die Population gänzlich zusammen. Erst nach dem 2. Weltkrieg, begünstigt durch die bis 1953 waffenlose Zeit, erholte sich das Vorkommen des Kolkrabens; kurzfristig setzte noch einmal eine Verfolgung ein, die aber ab 1960 mit dem endgültigen Nachlassen der Bekämpfung zu einer starken Zunahme führte, so dass sogar Wiedereinbürgerungsversuche in den Niederlanden mit schleswig-holsteinischen Vögeln durchgeführt werden konnten. 1991 wurde der Bestand des Kolkrabens bei uns dann auf 400 bis 450 Brutpaare geschätzt, und derzeit liest man im zweiten Brutvogelatlas für unser Bundesland von 900 bis 1000 Paaren der unter strengem Schutz stehenden Vögel. Raben sind zunächst einmal als ausgesprochene Aasfresser bekannt; sie halten sich an Verkehrsopfer, Fallwild, Kadaver von Nutztieren und Nachgeburten des Weideviehs, und sie sind Besucher von noch frei zugänglichen Hausmülldeponien. Untersuchungen in Schleswig-Holstein lassen die Vermutung zu, dass auch das Aufkommen von Nagern, zum Beispiel die Feldmausdichte und ihre Gradation, die Bereitschaft sich anzusiedeln beeinflussen könnte.

Kolkraben kann man als intelligente Vögel beschreiben, und sie leben - soweit man weiß - in einer monogamen Dauerehe; sie brüteten bis in die 1980-er Jahre fast aussschließlich in alten Buchen oder Eichen, die in der Regel über hundert Jahre alt waren. Inzwischen hat der Populationsdruck dazu geführt, dass auch geringere Areale besiedelt werden. Interessant ist ein Verdacht, dass mit der Zunahme der Brutdichte des Uhus, unserer größten Eule, in einem Schleswiger Untersuchungsgebiet eine Abnahme des Kolkrabens zu beobachten ist. Ähnlich wie am Mäusebussard nachgewiesen wurde, aus dessen Horst nicht flugfähige oder schlafende Individuen von diesem großen Nachtgreif erbeutet wurden, mag sich hier auch eine natürliche Entwicklung anbahnen.

Im Januar oder Februar beginnt die Balz der Kolkraben; dann können wir wieder ihre imposanten und paarweisen Luftspiele bewundern, während dessen sie sich als einzigartige Luftakrobaten produzieren, die sich im Fluge sogar auf den Rücken drehen können - Erkennungsmerkmal sind stets der keilförmige Stoß der schwarzen Vögel sowie ihre markigen Rufe.

Foto ( Autor ) : Der stattliche Vogel trägt einen kräftigen Schnabel

Holger Jürgensen

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