Vogelkunde: Erinnerungsvermögen im Langzeitgedächtnis

Vogelkunde: Erinnerungsvermögen im Langzeitgedächtnis

Eine lustige Beobachtung aus unserer Hauptstadt Berlin schildert beispielhaft eine tierische Fähigkeit, sich erinnern zu können und daraus Schlüsse zu ziehen : Wildschweine meiden die Zeit nach der Tagesschau für ihre Ausflüge aus dem Waldrand an die verlockenden Mülltonnen der Stadt, da dann noch einmal viele Hundebesitzer ihre Lieblinge ausführen, mit denen die grunzende Rotte verständlicherweise eine Begegnung vermeiden möchte.

Unsere Kenntnisse über Fähigkeiten von Tieren, sich an bestimmte Vorgänge, Erfahrungen oder Erlebnisse in der Vergangenheit zu erinnern, werden zunehmend biologisch klarer und zahlreicher. Der Mythos vom "Spatzenhirn" ist längst obsolet. Falls sich die Amsel beispielsweise anlässlich ihrer Nahrungssuche nur auf einen Weißdornbusch mit seinen roten Früchten beschränken würde, wäre diese Nahrungsresource irgendwann abgeerntet. Vögel müssen sich also erinnern können, wo sie in der letzten Zeit ebenfalls Futter gefunden haben, um nicht vergeblich zur abgeernteten Stelle zurückzukehren. Der Mensch entwickelte seit alters her, nachweislich seit der Zeit der Pharaonen, die Fähigkeit, in Zeiten der Fülle für Notzeiten Nahrungsvorräte anzulegen.

Auch viele Tiere horten Nahrung, wenn diese reichlich vorhanden ist, und greifen später bei Futterknappheit darauf zurück. Vögel wie unser Eichelhäher, Spechte oder die Meisenarten verstecken überall in ihrem Revier in Tausenden von Ritzen und Nischen jeweils nur einige, wenige Nahrungsteile. Jede auch noch so enge Spalte, in die ein Samenkorn oder eine Insektenbeute passt, wird dafür verwendet. Eichelhäher nutzen abgestorbene Bäume als Vorratskammer, indem sie Tausende von Bohrlöchern am Stamm und an den Ästen anbringen und diese mit Eicheln besetzen.

Der Kleiber - auch als Spechtmeise bekannt - hat bei seiner Vorratshaltung eine besondere Beziehung zu einem Nadelbaum, zur Eibe und zu ihrem roten Fruchtkörper, seiner Leibspeise, entwickelt; er reibt das äußere Fruchtfleisch an einem Ast ab und plaziert den eigentlichen Samen in eine Baumspalte. Da so manches Versteck nicht wiedergefunden wird oder der betreffende Vogel aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr in seinem Revier lebt, hilft der Kleiber unbewusst an der Verbreitung dieses Nadelbaumes, wie seine Schösslinge aus Mauerspalten oder am Wurzelhals großer Bäume beweisen.

Man kann den Gedanken noch weiter spinnen und den Kleiber mit der Superwaffe des Mittelalters in Verbindung bringen, nämlich mit Pfeil und Bogen, die komplett aus dem Holz der Eibe gefertigt wurden - und so schrieb der kleine Vogel Geschichte : Der französische König Karl VI. unterlag dem englischen König Heinrich V. im Hundertjährigen Krieg 1415 bei Azincourt, weil die Bogenschützen von der Insel über schnelle Pfeile - aus Eibenholz verfügten - historisch belegt !

Schnell zurück zum tierischen Erinnerungsvermögen : Finden nun die Vögel ihre Nahrung wieder, die sie breit gestreut und vor längerer Zeit im Gelände versteckt hatten ? Die Frage ist zu bejahen, auch wenn diese Gedächtnisleistungen außerordentlich erscheinen, so beruhen sie "nur" auf der verblüffend genauen Kenntnis ihres Lebensraumes, einer Schatzkarte gleich, über die viele Vögel verfügen. Sie werden eher überleben und sich fortpflanzen können als andere, die dazu nicht befähigt sind - ein schönes Beispiel für Evolution und letztlich für die natürliche Auslese. Auch das menschliche Erinnerungsvermögen ist Thema wissenschaftlicher Untersuchungen; dabei geht es nicht nur um die Suche nach der Brille, die man bereits auf der Nase trägt.

Foto ( Christian Garleff, Hamburg ) : Eichelhäher an der Winterfütterung - auch von hier werden die Verstecke versorgt

Holger Jürgensen

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