Vogelkunde - Nestflüchter und Nesthocker

Vogelkunde - Nestflüchter und Nesthocker

Beim Verlassen der Eihülle sind die Jungen einiger Vogelarten schon sehr weit entwickelt. Bei diesen - "Nestflüchter" genannten - sind die Augen bereits geöffnet, und die Jungvögel wärmt ein dichtes Dunenkleid. Ihre meist langen Beine sind innerhalb weniger Stunden zum Laufen oder zum Schwimmen ausreichend kräftig entwickelt, und sie können daher mit den Eltern sehr früh auf eigene Nahrungssuche gehen.

Nur tauchen können kleine Enten anfänglich nicht, weil ein ausreichender Kälteschutz wegen noch fehlender Nutzung einer Bürzeldrüse nicht gegeben ist. Als "Nesthocker" dagegen bezeichnet man Vögel, die während ihrer Jugend nach dem Schlupf im Nest verweilen müssen, weil sie noch auf die absolute Fürsorge der Eltern angewiesen sind. Die aus dem Ei schlüpfenden Vögel haben die Augen geschlossen, und sie sind nackt, tragen daher noch kein Dunenkleid und müssen nicht nur von den Altvögeln gewärmt - "gehudert" - , sondern auch gefüttert - "geatzt" - werden.

Beim Schlupf aus dem Ei sind diese Nestlinge außerordentlich empfindlich, ja beinahe als zerbrechlich zu bezeichnen - sie sind noch nicht in der Lage, sich selbstständig fortzubewegen oder gar selbst zu ernähren. Die Jungen können auch ihre Körpertemperatur noch nicht ausreichend stabil halten. So hängt das Überleben des Nachwuchses ausschließlich von der kompletten Versorgung seiner Eltern ab. Diese Zeit gilt zu Recht als eine der risikoreichsten Phasen im Leben eines Vogels. Nesthockende Vögel - der Großteil unserer Vogelarten - brüten in Büschen oder auf Bäumen und schützen somit sich und ihre Jungen durch eine Nestanlage in größerer Höhe vor Prädatoren ( Fressfeinden ).

Die Nestflucht vieler größerer Vogelarten ist auch ein Ergebnis der bis in ihre Gene verankerten Furcht vor der historischen ( und aktuellen ) Nachstellung durch uns Menschen. Eine Ausnahme machen in dieser Beziehung der Eisvogel, der Bienenfresser sowie die Uferschwalbe, die eine Brutröhre in Ufersteilwände graben und dadurch ihren Nachwuchs schützen. Ein besonderer Fall unter den Nesthockern ist auch der Mauersegler, denn die auf die Versorgung durch die von ständig Insekten jagenden Eltern angewiesenen Jungen können erstaunlicherweise auch Phasen des Nahrungsmangels überstehen, dessen Phänomen "Torpor" ( Körperstarre, Körperschlaf ) genannt wird. Dabei werden durch verlangsamte und damit energiesparende Stoffwechselvorgänge ungünstige Wetterverhältnisse und damit eine eventuelle Nahrungsknappheit überbrückt.

Im Gegensatz dazu sind Nestflüchter innerhalb der ersten Lebensstunden in der Lage, sich selbst fortzubewegen. Sobald das Dunenkleid getrocknet ist, folgen die Jungvögel selbstständig ihren Eltern in die Nahrungsgründe - junge Enten folgen der Mutter. Daher ist es für sie sehr wichtig, zu wissen, wer sie versorgt und vor allen Dingen wer sie beschützt. Eine frühe Prägung auf wesentliche Merkmale ihrer Eltern und ein enges Band unter den Familienmitgliedern stärkt den Zusammenhalt. Wahrscheinlich erkennen sich viele Vogelarten in dieser Situation an individuellen stimmlichen Merkmalen. Besonders wichtig ist es für sie, auf die Warnrufe der Altvögel zu reagieren.

Junge Gänse schlüpfen bei Gefahr dann möglichst schnell unter die ausgestreckten Flügel der Eltern; es kommt aber auch vor, dass sich die Küken blitzartig in "alle Winde" verstreuen, was einen potenziellen Angreifer zunächst verwirrt. Ein Großteil der "nestflüchtenden Vogelarten" legt sein Nest am Boden oder in geringer Höhe einer Vegetation an. Das erlaubt dem schlüpfenden Jungvogel, vom Nest aus unmittelbar die Umgebung zu erobern. Doch unsere Schellente macht eine Ausnahme und errichtet ihr Nest in wenigen Metern Höhe in Baumhöhlen oder in künstlichen Nistkästen.

Kurz nach dem Schlüpfen springen die Jungen, die an kugelige und leichte Wattebäuschchen erinnern, in die Tiefe. Da diese nur geringes Gewicht besitzen, kommt es in der Regel zu keinen Verletzungen.

Foto ( Autor ) : Ein Paar der Kanadagans verteidigt sein Bodengelege
Foto ( Hochmann, Kiel ) : Mauersegler-Altvogel kommt mit einem vollen Kropf an das Nest

Holger Jürgensen

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