Vogelkunde - Speiballen weisen auf Ernährungsgewohnheiten hin

Vogelkunde - Speiballen weisen auf Ernährungsgewohnheiten hin

Der fachlich nicht ausreichend versierte Naturfreund kann sich eventuell in die Rolle der mystischen Pythia im Orakel von Delphi versetzt fühlen, wenn er aus Gewöllen ( Speiballen ) von Vögeln deren verspeiste Nahrung herauslesen soll - und das, ohne Sauerstoffmangel durch giftige Gase und dadurch auch nicht in Trance zu fallen - wie bei solchen Anlässen in der Antike.

Jedoch - detaillierte Untersuchungen von Speiballen, den hochgewürgten, harten und unverdaulichen Resten der Nahrung einiger Vogelgruppen, geben viele Aufschlüsse über die entsprechende Vogelart und ihre Ernährungsgewohnheit, wenn man ihre Form, den Inhalt und Fundort bestimmen kann. Am bekanntesten sind die Gewölle von Eulen und Käuzen, da diese ihre Beute mehr oder weniger in einem Stück verschlingen und über vergleichsweise geringe aggressive Verdauungssäfte verfügen. So bleiben Knochen, Fell ( Haare ), Federn und Chitinpanzer von Insekten erhalten. Die Bestimmung dieser Nahrungsreste ist dann für den geübten Fachmann relativ einfach durchzuführen, und sie gibt auch einen wertvollen Aufschluss über das Vorkommen der Beutetiere im Revier.

In einer einschlägigen, nordenglischen Literatur sind Beispiele von Untersuchungsergebnissen von Wirbeltierresten in 840 Schleiereulengewöllen unter ihren Schlafplätzen zu finden, die je nach Jagdgebiet über Ackerland, in einem Eichenwald oder in dörflicher Nähe aufgeteilt wurden. Die Waldmaus wurde zu 50 vH natürlich im Wald nachgewiesen, die Hausmaus mit jeweils nur 20 vH im Dorf, der größere Anteil erstaunlicherweise auch auf dem Acker; in 420 Speiballen wurden Reste von Staren nachgewiesen, die in ihren gemeinschaftlichen Schlafplätzen überrascht wurden - wohl ein mehr jahreszeitlich bedingtes und zufälliges Ergebnis, das aber auch deutlich macht, dass Nachtgreife ihre gefiederten Kollegen erfolgreich jagen können.

Auch Taggreife würgen Gewölle aus, doch sie bestehen aus wesentlich kleineren Bestandteilen wie Knochenfragmenten, da diese Vögel das Fleisch von den Knochen reißen und sie über eine intensivere Verdauung verfügen. Der Graureiher, WürgerArten und der Eisvogel produzieren ebenfalls unverwechselbare Speiballen; Krähenund Möwengewölle fallen je nach der Nahrungszusammensetzung sehr unterschiedlich aus. Speiballen der Möwen sind in der Regel recht locker und zerfallen bei Berührung sehr schnell; außerdem findet man anlässlich einer detaillierten Untersuchung oft Plastikteile und Teile des menschlichen Hausmülls, da diese Vögel sich häufig auf Müllkippen aufhalten.

Besonders aufmerksam hat die Bestimmung von Gewöllen zu erfolgen, die Fell-, Feder- und Knochenreste aufweisen, da diese leicht mit der Losung einiger vierbeiniger Raubsäuger verwechselt werden können, die einem ähnlichen Nahrungerwerb nachzugehen pflegen. Die lockeren Gewölle des Eisvogels sind im Verhältnis zu seiner Körpergröße recht groß, und sie bestehen überwiegend aus Fischgräten; man findet diese unter der Sitzwarte oder in seiner Brutröhre, wo sie sehr schnell zu bröckeligen Haufen zerfallen und als Nistunterlage dienen.

Zu einer unerwarteten Analyse von Speiballen des Turmfalken kamen Vogelschützer in einem Schutzgebiet im Kreis Plön, als sie in ihnen die Ringe junger Kiebitze wiederfanden, mit denen diese vor kurzer Zeit gerade erst gekennzeichnet worden waren; man hätte auf die Bereitstellung einer Nistunterlage für den Greif an diesem Ort verzichten müssen. ( In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass das anlässlich von Beringungsaktionen zur besseren Wiederauffindung geübte Markieren von Kiebitznestern in einem Schutzgebiet auf der Insel Sylt kritische Folgen hatte; der Beringer hinterließ eine Spur in der Vegetation, der der Fuchs nur nachzugehen brauchte. )

Fotos ( Scheel, Scharstorf ) : Würgevorgang eines Speiballens des Eisvogels
( Autor ) : Gewöllesammlung unter einem Schlafplatz eines Turmfalken

Holger Jürgensen

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