Vogelkunde - Der Vogel als Komponist und Imitator

Vogelkunde - Der Vogel als Komponist und Imitator

Der Gesang unserer Vögel ertönt im Frühjahr bis in den Vorsommer; danach wird es wieder still - bis auf Schreck- und ihre Kontaktrufe. In der Regel werden die Frühlingsgesänge ausschließlich vom Vogelmännchen vorgetragen; von einem erhöhten Ansitz lassen sie ihre Balzstrophen ertönen - quasi als Kontaktanzeige an ein Weibchen.

Solche, die variantenreicher singen, sind dann mit ihrer Werbung immer erfolgreicher gegenüber den Hähnen, denen das Zeug dazu noch fehlt. Bekanntlich besitzen Vögel die Fähigkeit, gehörte Laute zu imitieren. So kann man als Beispiel Wellensittichen beibringen, eine Begrüßung wie "Guten Morgen" zu sagen; und die zumindest aus Zoohandlungen bekannten Beos sind in der Lage, die Geräusche einer schließenden Tür nachzuahmen. Papageien machen Klanggeräusche aus der Käfigumgebung und sowie menschliche Stimmen nach; sie können außerdem ein relativ umfangreiches Klangrepertoire behalten und wiedergeben. Auch bei freilebenden Vögeln kommt es vor, dass sie Laute imitieren. Es wird berichtet, dass Drosseln das Klingeln eines Telefons täuschend echt nachmachen können. Aber die Mehrzahl der Lautäußerungen von Vögeln sind doch leicht als arteigene zu erkennen.

Eine der ersten detaillierten, wissenschaftlichen Untersuchungen über die Entwicklung des Gesanges bei Jungvögeln wurde bereits vor einem halben Jahrhundert an der Universität von Cambridge durchgeführt. Das verblüffende Ergebnis bei der Arbeit mit jungen Buchfinken war, dass die akustisch isoliert von anderen Artgenossen aufgezogenen Vögel im späteren Erwachsenenalter einen andersartigen Gesang vortrugen als freilebende Buchfinken. Es fehlte bei den Versuchstieren die schmetternden "Schlusssilben", mit denen Buchfinkenhähne üblicherweise ihren Gesang abschließen. Außerdem waren die Tonfolgen simpler und gleichförmiger als bei den freilebenden Artgenossen.

Aus diesem Experiment darf gefolgert werden, dass junge Buchfinken später nur dann normal singen, wenn sie nicht isoliert werden. Demnach müssten die Tiere den Gesang der Artgenossen kopieren; dies konnte im gleichen Versuch nachgewiesen werden, indem Jungvögeln Tonbandaufnahmen des üblichen Artgesanges vorgespielt wurden, der dann korrekt wiedergegeben wurde. Es konnte sogar einem Buchfinkenhahn beigebracht werden, die Schlussphase des "Finkenschlages" mitten in den Gesang hineinzuverlegen. Vögel können aber auch Stimmen anderer Vogelarten mit ähnlichen Tonfolgen imitieren; die Entwicklung des Gesanges ist daher ein interessantes Beispiel für das komplizierte Zusammenwirken von Lernvorgängen und Vererbung bei der Ausprägung von Verhaltensweisen.

Ein gutes Beispiel, zeitlebens neue Gesangselemente hinzuzulernen, ist der Kararienvogel, deren Männchen jedes Jahr etwas vergessen und dafür neue Liedteile entwickeln. Nach den grundlegenden englischen Untersuchungen sind auch die Gesänge anderer Vogelarten erforscht worden, mit dem Ergebnis, dass Nachahmungen ein gemeinsames Merkmal der Gesangsentwicklung bei allen Arten sind. Der bekannteste Imitationskünstler ist der heimische Sumpfrohrsänger, dessen Hähne bis zu 76 andere Vogelarten aus seinem Winterquartier in Afrika bis hin zu seinem Brutrevier bei uns nachahmen.

Foto ( Autor ) : Ein Zaunkönig trällert seine lauten Strophen im Gebüsch des Eutiner Schlossparks

Holger Jürgensen

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