Vogelkunde - Invasionen

Vogelkunde - Invasionen

Das Wort "Invasion" ist bei uns durch militärische Ereignisse besetzt, und in unserem Kopf setzt sich folgerichtig "Okkupation" fest. In der Vogelwelt stellt sich die Situation dankenswerterweise anders dar - nach ihrem plötzlichen Auftreten verschwinden sie dann auch wieder.

Bei einer größeren Anzahl von Vögeln verlassen mehr oder weniger, in unregelmäßigen und wenig vorhersehbaren Abständen, ganze Brutpopulationen ihre Heimat und erscheinen dann, oft sogar in großen Zahlen, in fremden Gebieten. Diese Vögel gelten als sogenannte Invasionsvögel. Ihre Erscheinung beginnt mit der Abwanderung aus der eigentlichen Heimat, das natürliche biologische Gründe hat - steigende Siedlungsdichte, sturmverdriftete oder sich in der Ausbreitung befindliche Vogelarten.

Ausgeprägte Vogelinvasionen werden selbst für den Laien erkennbar, wenn manchmal im Winterhalbjahr in Süddeutschland ganze Straßenzüge gesperrt werden müssen, weil Bergfinken auf der Suche nach Bucheckern die waldnahen Straßen belagern, oder wenn mitten im Winter exotisch anmutende Seidenschwänze am Futterhaus erscheinen. Besonders denkwürdig waren die großen Invasionen der Steppenhühner aus Asien, besonders in den Jahren 1863 und 1908, in denen die Vögel bis auf die britischen Inseln flogen. Auf Grund der damals noch häufigen Wanderheuschrecken erreichten die bunten Rosenstare, die eigentlich nur in der Türkei und gelegentlich bis Ungarn brüten, Westeuropa bis Portugal, Irland und erstaunlicherweise sogar Island. Ihr Überwinterungsgebiet liegt besonders im Subkontinent Indien - was machen solche Vögel für "tolle" Reisen!

 

Etwa alle 10 Jahre sind vom Seidenschwanz, der in der Taiga-Zone Skandinaviens, der Uralgebiete Russlands bis Kanada seine Brutheimat findet, größere Wanderbewegungen bekannt, die in der letzten Zeit auch gut dokumentiert wurden. Oft mag der Grund für Invasionen sogenannte Fluchtbewegungen ( Evasionen ) sein, die durch eine sehr hohe Populationsdichte ausgelöst werden oder - im gleichen Zusammenhang - durch Verminderung des notwendigen Nahrungsangebotes. Inzwischen haben uns Forschungsergebnisse bestätigt, dass der Grund für Masseninvasionen der Seidenschwänze im Wesentlichen durch eine geringe Verfügbarkeit von Früchten der Eberesche - volksmundlich als "Vogelbeere" bekannt - ausgelöst werden.

Wenn unsere Seidenschwänze erst einmal am Ziehen sind, können sie auch mit reichlich Nahrung versehene Landschaften durchfliegen; andererseits fressen sie bei hinderlicher Schneelage "alles" was andere Vogelarten bis dahin verschmäht haben - nach unseren Beobachtungen in unserer Heimat besonders die roten Früchte des Gemeinen Schneeballes, obwohl man im "Kosmos-Pflanzenführer ( 1996 )" von einem "Verdacht auf Giftigkeit" dieser Pflanze lesen kann. Außerdem zeigen weitere Beobachtungen, dass diese dünnhäutigen Beeren vom Vogel sachte erfasst und in den Schnabel gedrückt werden, so dass die leere Haut am Zweig hängen bleibt - und damit auch der giftige Teil der Frucht ?

Nach Professor Peter Berthold, Vogelwarte Radolfzell, können Seidenschwänze eine Zeit lang sogar von am Boden liegenden, rottenden Äpfeln oder von denen noch am Baum hängenden existieren. Und wie geht das ? Seidenschwänze sind frugivore Nahrungsspezialisten - das heißt Früchte fressende Vögel - , und sie sind daher mit einem besonders langen Darm ausgerüstet, der ihnen die Verwertung ermöglicht. So schlussfolgern wir : Wenn denn schon eine Obsternte bei uns aus unterschiedlichen Gründen nicht genutzt werden soll, wäre es im Sinne des Vogelschutzes, verbliebenes oder Fallobst bis zum Gartenputz im Frühjahr liegen zu lassen - für Amsel, Seidenschwanz und Co.

Holger Jürgensen  Fotos ( Autor ) : Reife Früchte des Schneeball
                                    ( C. Garleff, Hamburg ) : Seidenschwanz an überreifen Früchten
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