In einer mittelalterlichen Reisebeschreibung durch China wird von der Begegnung mit einem „sonderlichen Vogel“ berichtet, der bei der Stadt Ninyang vorkomme. Wegen seiner Gestalt könnte er zu den „Meeradlern oder anderen Raubvögeln“ gezählt werden, da er einen langen Schnabel, der „an der Spitze unten zugekrümmet“ sei, besitze, die Gestalt eines Raben hätte, jedoch kleiner als eine Gans sei.

Jagen mit dem Kormoran

Der alte Text berichtet dann weiter, dass der Vogel von den Bewohnern zum Fischfang abgerichtet wird. „Es haben die Fischer kleine Schiff oder Böthlein, so von Reißstroh oder Schilff gar künstlich und dick zusammen geflochten, auf beiden Seiten Bambus-Stäbe“ zum Aufbaumen der Vögel. Sie erhalten einen Ring über den Hals geschoben, der das Schlucken der im Kehlsack befindlichen Fische verhindert, und sie werden so mit einer Schnur um die Flügel mit dem Boot verbunden auf das Wasser entlassen. Der gefangene Fisch wird dem Tier
abgenommen – es erhält als „Dank und Belohnung“ später kleine Fische.


Foto ( Heinrich Scheel, Scharstorf ) : Porträt eines Kormorans

Kormorane in Asien

Zum sinischen Kulturkreis zählt man heute China sowie die Länder Korea und
Vietnam. Bei dem Vogel handelt es sich um die Kontinentalrasse unseres Kormorans oder
um den Japan-Kormoran. Auch heute wird das Fischen mit diesen Vögeln noch betrieben,
größenteils aber – besonders in Japan - aus touristischen Gründen. Das mit Hilfe von Laternen oder offenen Feuern zum Anlocken der Meerestiere meist nächtliche Fischen mit Kormoranen ist in China seit 600 n.Chr. überliefert und erreichte im 17. Jahrhundert auch Europa, wo es aber mehr aus Sport – ähnlich der Beizjagd mit Falken – betrieben wurde, was auch den europäischen Adel interessierte. So gehörte dem englischen Königshof auch ein „Master of cormorants“ an. In den ostasiatischen Ländern wurde es den Hindus und Buddhisten durch diese Form des Fischfanges ermöglicht, auch Fisch zu essen, da der Fang nicht von Menschen getötet wurde. Aus religiösen Gründen ernähren sich diese Glaubensanhänger eigentlich nur
vegetarisch.

In Teilen Chinas wird die Rekrutierung der Kormorane vorwiegend nicht durch die
aufwendige Form mit Wildfängen durchgeführt, sondern durch eine regelrechte Zucht und
Domestikation. Da Kormorane in der Gefangenschaft aber brutunwillig sind, werden ihre
Eier von Haushühnern ausgebrütet. Die Jungvögel werden mit Tofu, einem Sojabohnenkäse, aufgezogen, und sie müssen ihre spätere Sitzordnung auf dem Boot kennen und einhalten, weil es sonst wegen Rangstreitigkeiten zu Unruhe kommen würde. Ein ausgebildeter Kormoran kann neben der eigenen Verwendung auch verkauft werden – mit einem Gegenwert von ungefähr 100 Euro.

Ein fähiger Jäger

Kormorane können eine enorme Fangleistung an den Tag legen; man berichtet von bis zu 150 Fischen in der Stunde. Als „Haustier“ kann der Vogel 20 bis 30 Jahre alt werden, was mindestens das doppelte Lebensalter gegenüber in der Natur lebende Vögel bedeuten würde. Unerfahrene sowie nicht erfolgreiche Kormorane wurden von ihrem „Meister“ mit einer Rute bestraft, oft so drastisch, dass die Federn flogen – aber mit nachfolgendem Erfolg …..

Historische Berichte

Zurück zu unserem historischen Reisebericht : Es wird dort der spanische Johann Gonzales von Mendoza zitiert, der von einer anderen Jagdart mit dem „Chinesischen Fischvogel“ schreibt und diese Fischfangart „Scholfern“ nennt. In der ersten Ausgabe ( 1802 ) des „Jahrhunderts der Naturgeschichte“ von Wilhem Gottfried Tilesius von Tilenau finden sich in den historischen Nachrichten Angaben zu „der sinnreichen Nutzanwendung des chinesischen Fischvogels“, den er einerseits Kropfgans nennt, ihm an einer anderen Stelle sogar den lateinischen Namen „pelecanus chinensis“ gibt. Beide Namen sind den heute wirkenden Vogelkundlern unbekannt, und die Schilderungen beziehen sich ganz offensichtlich auf den Kormoran, welcher Unterart auch immer.

„Scholfer“ sind offenbar die Kormorane, die aus eigener Zucht stammend ihren „Meister“ sehr gut kennen, die auch während der oft vier Stunden dauernden Tauchgänge nicht angeleint zu werden brauchen, jedoch den Halsring tragen, und sogar auf ein Rufzeichen oder alleine zu dem teilweise mit Wasser gefüllten Boot zurückkommen und ihren Fang freiwillig und alleine übergeben – im doppelten Sinn dieses Wortes. Um mit einem Satz auf die hiesige Diskussion um Freud und Leid mit unseren Kormoranen zu kommen : Eine Naturschutzorganisation veröffentlichte am 1. April (!) 2010 einen Beitrag „Mit Kormoranen gemeinsam fischen“, der ein Bild eines chinesischen Fischers mit zwei Kormoranen auf einem Stock zeigt. Der Untertitel lautet : „Konflikt zwischen Anglern und Kormoran lösen...!“

Holger Jürgensen

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