Wir Menschen sind großartige Baumeister, und wir bewundern auch Tiere, die bauen können. Unter den Wirbeltieren stellen Vögel die herausragendsten Architekten. Dass ausgerechnet sie es sind, überrascht doch sehr. Warum sind es nicht unsere nächsten Verwandten, die Säugetiere? Uns fallen doch spontan unzählige Beispiele für raffiniert gebaute Vogelnester ein, aber kaum ein Beispiel für vergleichbare Werke von Säugern.

beutelmeise und ihr hängenestFoto ( Jürgensen ) : Hängenest einer Beutelmeise

Echte Könner am Werk

Die beeindruckende Qualität des Nestbaus ist noch aus einem zweiten Grund erstaunlich : Vögel verwenden meist relativ wenig Zeit darauf. Die Nester dienen hauptsächlich der Aufbewahrung der Eier, und viele bieten auch den heranwachsenden Jungen Schutz. Nur selten hingegen werden Nester außerhalb der Brutzeit zum Schlafen aufgesucht. Das heißt, in den meisten Fällen kommen die Bauten nur kurze Zeit – vielleicht ein paar Wochen nur – zum Einsatz.

Technik entscheidet

Die dritte Überraschung beim Nestbau sind die Techniken der Vögel. Ihnen steht eigentlich nur der Schnabel als Arbeitsmittel zur Verfügung. Doch selbst ein einfaches Nest - mit nichts anderem als mit Hilfe des Schnabel zu bauen - ist gar nicht so leicht. Zum Glück verfügen Vögel über biegsame Hälse und über ein ausgezeichnetes Sehvermögen. Bei manchen Arten dienen die Füße zum Scharren einer Mulde oder zum Festhalten des zu verbauenden Materials. Mit dieser einfachen Ausrüstung gelingt es den Gefiederten, Nester zu erstellen, die häufig komplex und in vielen Fällen obendrein auch noch ästhetisch anzuschauen sind. Doch woher wissen sie eigentlich, was sie tun müssen ? Nach allem, was wir wissen, gibt es eine genetische Komponente für die jeweilige Bauweise. Wenn ein Vogel erwachsen ist, kann er das für seine Art typische Nest bauen, ohne es vorher jemals geübt zu haben. Falls das stimmt, wäre das ziemlich überraschend, denn bei allen anderen Tätigkeiten, die uns an den Vögeln beeindrucken – etwa Vogelzug, Gesang und Futtersuche – legen sie eine erhebliche Lernfähigkeit an den Tag und erweitern somit ihre angeborenen Fähigkeiten. Wenn wir jedoch genauer hinsehen, stellen wir fest, dass erfahrene Vögel wesentlich bessere Nester bauen als Anfänger, was wir ganz besonders bei den Webervögeln beobachten können.

Foto ( Jürgensen ) : Graugansgelege

Anpassung an die Umwelt

Alle Vogelarten sind hinsichtlich ihrer Verbreitung Beschränkungen unterworfen, weil sie nämlich nur in jener Umgebung vorkommen können, an die sie am besten angepasst sind. Die Toleranz, von der arteigenen Brutplatzwahl und Nestbauweise auch abzuweichen, variiert von Vogelart zu Vogelart. Als Beispiel kann hier die Rabenkrähe dienen, die in ländlichen und verstädterten Gebieten hoch auf Bäumen brütet, kann aber in kahlen oder sehr dem Wind ausgesetzten Gegenden ihr Nest auch in niedrigen Bäumen anlegen, und im Gebirge brütet sie auf Felssimsen oder schreitet gar am Boden zur Brut.
Benutzte Nester können auch im Nachhinein von anderen Vogelarten bezogen werden. Eulen und Falken legen ihr Gelege in alten Krähennestern an, da sie selber keine eigenen bauen, und der Specht zimmert seine Höhlen unfreiwilligerweise oft für die Hohltaube oder Schellente als Nachmieter. Sehr ungewöhnlich sind die Entscheidungen auch bei dem Waldwasserläufer, der alte Nester von Drosselvögeln bezieht, obwohl er ein Schnepfenvogel ist.

Perfekter Schutz

Vögel sind gezwungen, ihr Gelege ständig vor Räubern und vor Unterkühlung zu schützen. Die Vielfalt der Nestformen, die im Verlaufe so vieler Jahre genetisch fixiert wurden, erfüllen diese Aufgabe. Tiefe Näpfe verbergen die Eier vor begierigen Blicken, gut isolierte Höhlen schützen sie vor auskühlendem Luftzug, und sie tragen gleichzeitig zur Erhaltung der Körperwärme des brütenden Vogels bei. Manche Vogelarten zeigen eine indirekte Methode des Nestbaus, das sogenannte „Schleudern“ und „Verlegen“. Nachdem die Standortwahl getroffen ist, werfen oder legen die Partner das Material in Richtung des Nestes ab, von wo es dann weiter vom bereits brütenden oder auch bauenden Vogel an oder in das Nest gezogen wird, was zum Beispiel bei Höckerschwänen sehr gut zu beobachten ist – sie sitzen letztendlich auf einer
Burg aus Wasserpflanzen.

Überdachte Nester mit einem seitlichen Eingang baut als einziger größerer Vogel die Elster. Kugelnester sind von Zaunkönig bekannt, aber auch Wasseramsel und Schwanzmeise geben sich sehr viel Mühe. Die vollendetste Form eines hängenden Nestes baut die Beutelmeise; ihr gelingt sogar eine abwärts hängende Einflugröhre. Vielfach werden auch Bindemittel wie Speichel und Lehm zum Bau eines Nestes verwandt. Kleiber verengen in dieser Art das Einflugloch ihrer Nisthöhle, und Amseln verschmieren des Nestboden mit Lehm und Holzmull. Unsere Schwalben setzen kleine, schnabelgerechte Lehmbrocken aufeinander, um ein haltbares Nest zu fertigen; in besonders trockenen Perioden des Frühjahres sollte der Mensch daher für Pfützen mit entsprechendem Material sorgen.

Holger Jürgensen

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