Vor dem letzten Weltkrieg war die Amsel, die man auch Schwarzdrossel nennen darf, ein scheuer Vogel des Waldes, den man nur selten zu Gesicht bekam. Inzwischen ist sie dank einer offensichtlich hohen Anpassungsfähigkeit einer der häufigsten Stadtvögel geworden. Die Menschen kennen vor allen Dingen das Männchen in seinem schwarzen Gefieder und mit seinem im Frühjahr zur Balzzeit besonders leuchtend gelben Schnabel. Durch das Fernglas ist beim erwachsenen Amselhahn zusätzlich der gelbe Ring um die Augen gut erkennbar. Das Weibchen sowie die Jungvögel sind bräunlich und wirken wesentlich unscheinbarer, was für die Tarnung besonders vorteilhaft ist.


Foto ( Jürgensen ) : Dem Nest entflogene junge Amsel

Hin und wieder kommen Farbabweichungen im Gefieder der Amsel vor. Das Federkleid sogenannter leuzischtischer Vögel, hervorgerufen durch den Ausfall oder Verminderung von Farbstoffen, weist unterschiedlich große, weiße Partien auf. Albinos sind aber sehr selten und verfügen neben dem gänzlich weißen Federkleid zusätzlich über rote Augen sowie über blass-rosa Beinen.

Häufig erklingt im Garten der durchdringende, lebhafte Warnruf der Amsel, und ganz sicher immer dann, wenn sich eine Katze im Freien blicken lässt.  Das Männchen verfügt über einen auf den Menschen angenehm wirkenden, flötenden Gesang, den wir besonders im Frühjahr bei Tagesanbruch genießen können, wenn das Männchen die Grenzen seines beanspruchten Reviers seinem eventuellen Rivalen signalisiert.

Unsere Amsel hat einen abwechslungsreichen Speiseplan. Sie nimmt gerne Regenwürmer auf, verschmäht aber auch Samen und Früchte nicht. Der offenbar von ihr nicht zu verdauenden Chitinpanzer der gefressenen Käfer würgt sie in Form kleiner Speiballen wieder aus. Sie findet das ganze Jahr über ausreichend Nahrung und passt ihre Ernährung den herrschenden Jahreszeiten und Wetterbedingungen an. Während der Brutzeit im Sommer steht hauptsächlich tierische Kost auf dem Speiseplan, denn für die Entwicklung der Jungvögel ist eiweißreiche Kost sehr wichtig.

Foto  ( Jürgensen ) : Leuzistische Amsel in Eutin-Fissau 2009

Drosselartige Vögel legen gerne sogenannte Drosselschmieden an; der aufmersame Spaziergänger findet besonders an steinigen Stellen aufgeschlagene Schneckengehäuse, die diesen Vögeln auf Grund ihrer Nahrungssuche zuzuordnen sind.

Die sich wandelnden Lebensbedingungen und vor allem das deutlich mildere Stadtklima bewirken, dass die Amsel sich in ihrer Lebensweise weiterhin grundsätzlich umstellte. Früher war sie in unseren Breiten ein echter Zugvogel. Inzwischen ist sie zu einem Teilzieher geworden, der nur noch bei strenger Kälte nach Süden oder Südwesten ausweicht. Mitunter ist die Amsel sogar ein Standvogel geworden. Daraus kann man aber auch ableiten, dass wir nicht immer sicher sein können, wenn wir eine Winterfütterung durchführen, ob unsere gefiederten Gäste hauptsächlich nordische oder östliche Brutvögel sind, oder ob wir es doch mit heimischen Individuen zu tun haben.

In Sachen Artenschutz ist zu vermerken, dass Amseln in allen Regionen als eine häufige und in ihrem Erhaltungszustand ungefährdete Vogelart gelten. In einigen südeuropäischen Ländern werden aber immer noch jährlich hunderttausende Drosseln geschossen oder mit Leimruten und Steinquetschfallen gefangen.

Holger Jürgensen