Die zur Zeit gebräuchlichen deutschen Vogelnamen sind häufig missverständlich, gemessen an dem äußeren Erscheinungsbild der Gefiederten oder an ihrem landschaftlichen Vorkommen. So sind zum Beispiel Grasmücken keine Mücken und leben schon gar nicht im Gras. Die Regeln der zoologischen Nomenklatur und der daraus resultierenden Systematik erfordern für jeden Vogeleinen wissenschaftlichen Namen, der Benennung der Gattung, gefolgt vom Artnamen.

Foto :  Das Federkleid des Erpels der Mandarinente erinnert an die farbige Kleidung früherer, chinesischer Staatsbeamten     

In seinem Buch "Die Namen der Vögel Europas" stellt der deutsche Dr. Viktor Wember eine umfangreiche und für den Hobbyornithologen interessante Zusammenstellung der Bedeutung der deutschen und wissenschaftlichen Namen vor. Der Schreiberling empfiehlt diese gut 200 Seiten starke Lektüre, die für den interessierten Naturfreund oft auch nicht ohne ein Schmunzeln gelesen werden dürften.

Da nennt der alte Vogelpastor Brehm einen Haubentaucher "Steißfuß", aber auch das Wort "Arschfuß" war im Gebrauch, weil in der damaligen, aus unserer Sicht recht derben Sprache, der lateinische Gattungsname "Podiceps" für diesen bekannten Taucher unserer Seen in der Tat "Steißfuß" bedeutet, seiner kurzen Beine in der Nähe des Steißes wegen.

Der im Süden beheimatete und sich in einer Ausbreitung gen Norden befindliche Kuhreiher, der zur Nahrungssuche dem weidenden Vieh nachgeht, hat einen lateinischen Gattungsnamen "Bubulcus", was "Ochsentreiber" heißt, wobei damals zwischen einem Ochsen, Stier oder einem weiblichen Rind wohl nicht unterschieden wurde. Die Rohrdommel hingegen, eine im Röhricht lebende Reiherart, besitzt den Gattungsnamen "Botaurus". Im Lateinischen ist "bos" der Ochse oder das Rind allgemein, und der Name wurde dem Vogel wegen seiner dumpfen Balzrufe vergeben.

Eine Schnatterente schnattert nicht mehr als andere Enten, und ihr Artname "strepera" kann man mit "lärmen" übersetzen. Aber das befriedigt den Beobachter auch nicht; da ist die unter anderen Synonymen überlieferte Name "Knarrente" schon zutreffender. Die aus Ostasien stammende Mandarinente erhielt wegen ihres bunten Federkleides und der vorherrschend orangen Färbung ihren Namen von den früheren chinesischen Staatsbeamten. Die bei uns eher seltene Moorente hat den wissenschaftlichen Namen "Aythya nyroca". Der Ornithologe und Russlandforscher Johann Anton Güldenstädt, der von 1745 bis 1781 lebte, war ein aus Riga stammender Mediziner und Naturwissenschaftler, der 1770 eine Erstbeschreibung dieses Vogels in Südrussland verfasste. Der Artname "nyrok" ist russisch und bedeutet nichts anderes als "Tauchente".

Unsere Tafelente hat den lateinischen Artnamen "ferina", was nichts anderes als "Wildbret" bedeutet. Sie wurde und wird wegen ihres besonderes schmackhaften Wildbrets bejagt. "Tafel" hat hier die Bedeutung eines erlesenen Tisches.

Wenn wir uns nun einmal den Greifen zuwenden, wird in unserem obigen Buch der Rauhfußbussard als "Hasenfuß" bezeichnet, denn der Vogel heißt mit seinem Artnamen "lagopus". Aus dem Griechischen übersetzt wird aus "lagos" der Hase und aus "pus" der Fuß. Das hat natürlich seinen Grund durch die Befiederung seiner Beine bis zu den Zehen. Aber auch das Moorschneehuhn wird mit Gattungs- und Artnamen "Lagopus" bezeichnet; das hat seinen Grund in der witterungsbedingten Befiederung seiner Beine.

Ein Kiebitzregenpfeifer hat mit einem Kiebitz überhaupt nichts zu tun; manchmal entstehen Vogelnamen auch aus unpräzisen Übersetzungen lateinischer oder griechischer Tiernamen. Ein bei uns seltener Gast anlässlich seines Durchzuges im Herbst ist der Mornellregenpfeifer; sein wissenschaftlicher Namen ist "Eudromis morinellus". Sein Gattungsname erklärt sich aus dem Griechischen mit "gutem Läufer". Jedoch der Artname weist auf einen "kleinen Narr". Ein älterer deutscher Name nennt ihn "Dummer Regenpfeifer", weil er gegenüber Menschen nur eine geringe Scheu zeigt.

Unser an der Nordsee häufig vorkommende Alpenstrandläufer wirft bei unseren vogelkundlichen Führungen immer wieder Fragen nach der Herkunft seines Namens auf. Carl von Linne, der schwedische Arzt und Naturforscher war Hochschullehrer in Uppsala, und er verfasste die Grundlagen der heutigen wissenschaftlichen Vogelnamen im Jahre 1735. Er hatte diesen kleinen Watvogel in den Bergen Lapplands beobachtet, obwohl er sehr zahlreich an den Küsten unserer Meere vorkommt, was Linne nicht wusste. Für ihn war seiner Zeit Gebirge gleichzusetzen mit dem Wort Alpen.

Wenn man den lateinischen Gattungsnamen aller vier Raubmöwenarten "Stercorarius" übersetzt, sind es "Mistkerle"; offenbar hat ihr räuberisches Verhalten bei der Namensgebung eine Rolle gespielt, da diese Vogelspezies Möwen und Seeschwalben ihre Beute im Fluge abjagen. Die auf Helgoland zahlreich brütenden Trottellummen erhielten ihren wissenschaftlichen Namen nach einem italienischen Naturforscher "Troili", woraus im Deutschen dann die "Troillumme" und nach Klanganpassung Trottellumme wurde.

Sehr verwirrend ist die Herkunft oder Entstehung des Namens unseres Eisvogels. Hier weist das Buch "Die Namen der Vögel Europas" besonders sorgfältige Recherchen auf, wenn es Auskunft gibt, dass "isaro" bereits im Althochdeutschen ein eigenständiges Wort für diese Vogelart war, und durch sprachliche Klanganpassung wurde daraus Eis bzw. Eisen. Sein wissenschaftlicher Artname "atthis" entstammt der griechischen Sage, in der Atthis die Tochter des Kranaos, dem Herrscher in Attika, war. Einen Zusammenhang zwischen dem besonders schön gezeichneten Vogel und der königlichen Jungfrau darf sich der Leser selber ausmalen.

Interessant ist auch zu erfahren, dass der lutherische Pfarrer und Ornithologe Christian Ludwig Brehm den Artnamen "theklae" für eine unserer Haubenlerche sehr ähnlichen Vogel vergab - für die Theklalerche nach seiner Tochter Thekla Brehm. Auch Wissenschaftler machen Fehler, wie am Gattungsnamen der Mehlschwalbe festzustellen ist. Im Namen "Delichon" sind die Buchstaben vertauscht worden, denn im Griechischen heißt "Chelidon" übersetzt Schwalbe. Und der Schauspieler sowie "Cartoon-Zeichner" Vicco von Bülow, den wir als Loriot kennen, hat den französischen Namen für den Pirol, nämlich "loriot" übernommen, da dieser schön gezeichnete Vogel bei uns wegen der sprachlichen Nachahmung seines flötenden Rufes auch "Vogel Bülow" genannt wird.
                                           
Holger Jürgensen