Auf Sylt - so berichtet Gerhard Pfeifer in seinem Buch über die Vögel dieser Insel - sind vor 250 Jahren am Strand Möwen gefangen worden, um ihr Fleisch zu essen. Zwar wusste man, dass wegen ihrer pelagischen Lebensweise Möwen tranig schmecken, aber der Chronist nennt eine vorsichtige Zubereitung als Lösung; erstaunt sind wir, dass die Möweneier damals in diesem Bericht keine Beachtung fanden.

Es wird vor über einhundert Jahren die Gänsejagd an der Nordsee beschrieben, und es hat sich in der Mehrzahl wohl um Ringelgänse gehandelt, die sehr scheu waren. So nutzte man die Nacht oder auch Nebelsituationen aus, um mit Laternen die Vögel zu blenden und anschließend mit Knüppeln zu erschlagen.

Foto ( Jürgensen ) : Einfliegende Ringelgänse in Nielön / Sylt

Der langjährige Leiter der Vogelwarte Helgoland, der Biologe und leidenschaftliche Jäger Dr. Gottfried Vauk, weist auf die früheren Verhältnisse auf dem felsigen Eiland hin, wenn er beschreibt, dass neben der Nahrung, die das Meer bot, der Insel Feldfrüchte nur sehr mühsam und in sehr begrenzter Menge abzuringen waren. Frischfleisch von Haustieren war kaum, von Wildtieren überhaupt nicht zu beschaffen. Die Möglichkeit, vom Festland Frischnahrung heranzubringen, war praktisch so gut wie ausgeschlossen. Zu unberechenbar waren Dauer und Verlauf einer Seereise mit Segel und Ruder. So ist es nur zu verständlich, dass man den Vogelzug im Frühjahr und im Herbst herbeisehnte und jedem Vogel mit jeder erdenklichen Waffe sowie mit jeder Art von Falle oder Netz nachstellte. Die so gewonnene Beute brachte Frischfleisch in die Töpfe, das die Helgoländer sonst nur vom Hörensagen kannten.

Viel effektiver gestaltete sich der Fang von Enten in den Vogelkojen, die sich ausschließlich an der Nordseeküste befanden. Der Schwerpunkt der Entenfanganlagen lag in den Niederlanden. 1730 wurde die erste Vogelkoje auf Föhr angelegt, während auf Sylt die bekannte Anlage in Kampen erst knapp 40 Jahre später folgte. Die auf einem Süßwasserteich einfallenden Enten wurden mit Hilfe von flügelgestutzten Lockenten, die an Futter gewöhnt waren, in einen schmalen, sich dem Ende zu verjüngenden Graben gelockt, in die sogenannten Fangpfeifen. Diese waren oft zur Seite mit Strohmatten versehen, damit der Kojenwärter von den Enten nicht gesehen wurde. Die auch "Piepen" genannten Pfeifen endeten in einem Fangkasten, dem "Hamen". Um eine mögliche Witterung des Menschen durch die Enten zu verhindern, führte der Jäger ein Gefäß mit glimmenden Torfstücken bei sich, der "Feuerkieke". Die gefangenen Enten wurden "geringelt", also durch Umdrehen des Halses getötet. In der Eidum-Vogelkoje bei Westerland wurde der Jäger aus diesem Grunde auch "Ringelmann" genannt.

Foto ( Jürgensen ) : Wache haltender Brandganter vor seiner Bruthöhle

Während ihrer fangaktiven Zeit zwischen 1809 bis 1921 wurden in der Kampener Vogelkoje knapp 700.000 Enten gefangen, im Durchschnitt also jährlich gut 6.000 Stück. Nach dem Ringeln der Tiere wurden sie gerupft und zum Teil in Tonnen eingemacht, um sie als Delikatesse zu versenden.

Für das Sammeln von Vogeleiern auf dem Ellenbogen der Insel Sylt benötigte man vor 200 Jahren die Erlaubnis des dänischen Königs. Die dortige Kolonie aus Seeschwalben und Möwen muss enorm umfangreich gewesen sein, dass hier sogar ein "Eierkönig" eingesetzt wurde, der sich wieder zwei bis drei Gehilfen aussuchte, die "Eierprinzen". Ihre Aufgabe war es, während bestimmter Termine kontrolliert Vogeleier zu sammeln und in der übrigen Zeit die Bewachung der Kolonien vor heimischen und auswärtigen Eierdieben zu gewährleisten. Dennoch war Eierdiebstahl offenbar eine lohnende Sache, und der bekannteste Eierkönig, desssen Name mit "Lille Peer" angegeben wird, griff zu einer offenbar wirksamen Maßnahme : Er ließ einige Jahre einen wilden Stier auf dem Gelände laufen.


Foto ( Jürgensen ) : Brandgans-Pulli auf dem Weg zum Wasser

In den Nachrichten von der Insel Sylt im Jahre 1758 widmet ein Schreiberling dem Sammeln von Brandgans-Eiern einen breiten Raum. Brandgänse brüten in der Regel in Erdhöhlen, wie sie von Kaninchen gebaut werden. Um an die Eier und die weichen Dunen heranzukommen, verschloss man den Eingang mit einem Hut; die Vögel waren gefangen. Aber das war ja nicht das Ziel des Unternehmens. Über dem Nest hatte man ein Loch senkrecht nach unten gegraben, traf dort auf die brütende Brandgans, die sich leicht anfassen und bei Seite schieben ließ, da der Bruttrieb stark ausgebildet war, was wir auch bei anderen Vogelarten kennen. Man konnte so das frisch gelegte Ei entnehmen, um anschließend das senkrechte Loch wieder zu verschließen.

Es wird berichtet, dass in List auf Sylt zu jener Zeit jeder Einwohner über einige künstliche Brandgansbaue verfügte und zwei bis drei Wochen lang 20 bis 30 Eier daraus hervorholte. Man ließ einige Eier zum Ausbrüten und damit zur Arterhaltung im Nest. Die letzten derartigen Kunsthöhlen soll es noch bis etwa 1970 in Morsum auf Sylt gegeben haben. Eine Bedeutung für die Bewohner hatten diese sicherlich nicht mehr, da inzwischen auch auf Sylt die Hühnerhaltung Einzug gehalten haben dürfte .............

Holger Jürgensen