Jedes Jahr begeben sich mehr als die Hälfte der rund 10.000 heute lebenden Vogelarten auf unserer Erde auf die Wanderschaft – das sind schätzungsweise 50 Milliarden Einzellebewesen. Dies trug der rauschebärtige Professor Dr. Peter Berthold, ehemals Direktor der Vogelwarte Radolfzell, der Max-Planck-Forschungsstelle für Ornithologie, in einem zeitlich zurückliegenden Festvortrag vor, der dem Schreiberling nunmehr schriftlich vorliegt.

Vogelzug - ein Phänomen der Superlative

Berthold setzt sich mit dem Begriff des Instinktes auseinander, der bei den weiten Flugstrecken und der verblüffenden Orientierung eine entscheidende Rolle spielen müsse. „Wenn der ausgeprägte Vogelzug, der uns heute in der nördlichen Hemisphäre so vertraut ist, weder durch die persönliche Erfahrung eines Vogels noch durch ein bewusstes Erfahrungswissen seiner Vorfahren oder durch Umweltfaktoren bedingt ist, so kann andererseits kein Zweifel daran sein, dass seine Jahreszeitlichkeit, seine Zielsicherheit und Genauigkeitauf auf irgend eine andere Art und Weise mit der Erfahrung früherer Generationen zusammenhängen müssen. Eine solche Erfahrung hat nicht auf mündlichem oder schriftlichem Wege überdauert. Wir müssen deshalb annehmen, dass sie durch ein anderes Verfahren weitergegeben worden ist – genetisch, durch Vererbung. Wir müssen dann aber auch annehmen, dass die Verhaltensweise von früheren Individuen angenommen, irgendwie verinnerlicht worden ist und dass sie überlebt hat, weil sie heute noch wertvoll oder sogar lebenswichtig ist. Kurz – sie ist instinktiv.“



Foto ( Jürgensen ): Blutschnabelweber in Namibia an einer Wasserstelle

Unsere Vögel als "Meilenfresser"

Das Ergebnis langjähriger Untersuchungen der Wanderbewegungen unserer Vögel durch das Max-Planck-Institut hat ergeben, dass sich die Orientierung auf relativ einfache, genetische Grundmuster aufbaut. Der Vogelzug kann sich durch die schnellsten Selektionsvorgänge, die wir bei Wirbeltieren kennen, an neue Umweltbedingungen anpassen – mit einer wachsenden Bedeutung bei der Erforschung der Artenvielfalt. Vielfach geschieht der Vogelzug in gewaltigen Scharen, die bisweilen an Wanderheuschrecken erinnern und die Sonne verfinstern können. Die uns in Namibia begegneten großen Trupps von Blutschnabelwebern sind nur ein Beispiel für derartige Ansammlungen. Wanderstrecken unserer Zugvögel sind der Wegzug in ein Winterquartier und umgekehrt der Heimzug in das Brutgebiet. Dabei werden riesige Entfernungen zurückgelegt, die 20.000 bis 30.000 Kilometer umfassen können. Diese Werte gelten für unsere Rauchschwalben und Steinschmätzer. Rekordinhaber sind die Küstenseeschwalben, die während eines Jahres 30. - 50.000 Kilometer zurücklegen – nahezu dem Umfang der Erde entsprechend. Da diese Vogelart mindestens 25 Jahre alt werden kann, bewältigen diese Vögel während ihres Lebens Strecken von mehr als eine Million Kilometer. Der Mond ist „nur“ 385.000 Kilometer weit entfernt !

Non-Stop und zielsicher

Ganz erstaunlich sind auch die Non-Stopflug-Fähigkeiten unserer Vogelarten. Sie liegen bei den Kleinvögeln, welche die Sahara überqueren müssen, bei 2.000 bis 3.000 Kilometern, bei Schnepfenvögeln, die zum Beispiel in etwa 100 Stunden ohne Pause aus Nordsibirien bis nach Tasmanien in Australien fliegen, bei 7. – 10.000 Kilometern und damit im Langstreckenbereich von Großraumflugzeugen. Selbst der nur ungefähr wie eine Hummel kleine, weniger als fünf Gramm wiegende leichte Rubinkehlkolibri legt beim Dauerflug über den Golf von Mexiko ungefähr 1.000 Kilometer zurück.

Verblüffend – verglichen mit den Fähigkeiten des Menschen – sind die räumlichen und zeitlichen Orientierungsleistungen. Zugvögel finden nicht nur über zehntausende von Kilometern punktgenau ihren Nistplatz wieder, etwa Rauchschwalben im Stall in Eutin-Fissau. Ebenso zielsicher kehren sie in ihr einmal ausgesuchtes Winterquatier und dort zum Beispiel auf einen bestimmten Ast in einem Schlafbaum zurück. Und wir Menschen haben schon Probleme, unser Auto auf dem Parkplatz in einer fremden Stadt wiederzufinden …........

Foto ( Jürgensen ): Brandseeschwalben auf ihrem Heimzug am Atlantik

Wie ist Vogelzug im Verlaufe der Evolution eigentlich entstanden ?

Weitgehende Übereinstimmung unter wissenschaftlich arbeitenden Vogelkundlern besteht in der Vorstellung, dass der Vogelzug schon vor langer Zeit unter tropischsubtropischen Bedingungen entstanden ist und nicht erst im Zuge der Kontinentalverschiebungen oder gar in Verbindung mit den letzten Eiszeiten.

In den letzten Jahrzehnten beobachtet die Wissenschaft bei vielen Zugvogelarten unserer Breiten deutliche Veränderungen – späterer Wegzug, früherer Heimzug, Verkürzung von Wegstrecken und häufigeres Überwintern im Brutgebiet – also alles in allem eine Abnahme des Zugumfanges und bei subtropischen Arten ein Vordringen in klimatisch gemäßigte geografische Breiten – Ursache offensichtlich die derzeitige Erwärmung des Klimas. Die vielen gleichlaufenden Veränderungen lassen sich nicht, wie man früher meinte, auf Mutationen, also auf zufälligspontane Veränderungen in den Genen der Vögel, zurückführen, da ein dermaßen gehäuftes Auftreten von Mutationen nicht erwartet werden kann. Viel wahrscheinlicher ist, dass die derzeitig zu beobachtenden Veränderungen im Zugverhalten unserer Vögel auf überaus schnelle Selektionsvorgänge beruhen – was eine völlig neue, wissenschaftliche Deutung bedeutet.

Immer dasselbe Ziel? Verändertes Zugverhalten

Berthold bringt in seinem Festvortrag zur Verdeutlichung ein Beispiel : Der Girlitz hat sein Brutgebiet nach 1800 vom Mittelmeerraum her immer weiter nach Norden ausgedehnt – um das Jahr 1925 bereits bis in den norddeutschen Raum und in jüngster Zeit weiter bis nach Skandinavien. Im Mittelmeergebiet ist der Girlitz, vergleichbar mit der Amsel bei uns, Teilzieher – das bedeutet, ein Teil dieser Vogelart überwintert im Brutgebiet, ein anderer Teil wandert kürzere Strecken im Mittelmeerraum. Dabei streuen sich seine Zugrichtungen von Ost über Süd nach West. Bei seiner Ausdehnung nach Norden wurde der Girlitz mehr und mehr ein ausschließlicher Zugvogel, und seine Zugrichtung konzentrierte sich immer mehr nach Süden. Inzwischen überwintert der Girlitz immer häufiger in seinem gesamten Verbreitungsgebiet bis in die nördlichsten Bereiche, und er wird damit wieder zu einem Teilzieher wie ursprünglich am Mittelmeer.

Eine der Hauptvorhersagen der neuen Vogelzug-Theorie ist, dass bei sich rasch ändernden Umweltbedingungen sich auch das Zugverhalten schnell durch Selektion anpassend verändert, was wir zur Zeit bereits beobachten können. Amseln sind Standvögel im Rheinland und in England geworden, Stare überwintern immer häufiger in unseren Städten, und sogar können bereits Rauchschwalben hier und da in der kalten Jahreszeit beobachtet werden.

Wissenschaftliche Beobachtungen

Die Vogelwarte Radolfzell hat in den vergangenen Jahrzehnten über 3.000 Vogelkinder für Forschungszwecke aufgezogen, in der Regel Mönchsgrasmücken und Rotschwänze. Sie wurden für experimentelle Zwecke der Zugvogelforschung verwendet. Die wichtigste Voraussetzung dafür beruht auf eine Beobachtung, die schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Johann Andreas Naumann gemacht wurde, dass in Käfig gehaltene Zugvogelarten während ihrer Zugzeiten die sogenannte Zugunruhe entwickeln. Besonders auffällig ist dieses Verhalten bei Zugvögeln, die nachts wandern. Wenn die Zeit zum Aufbruch naht, ist es mit der Ruhe dieser Nachtzieher vorbei – die ansonsten ganz normal schlafen. Während der Nachtstunden werden diese außerordentlich aktiv und dies auch im Käfig. Von einem offenbaren „Zugweh“ gepackte
Vögel hüpfen und flattern in ihren Gehegen aufgeregt umher.

Inzwischen hat die Untersuchung von mehr als 100 Zugvogelarten in Radolfzell gezeigt, dass die Zugunruhe ein erstaunlich genaues Abbild des Zuges von Artgenossen in freier Natur liefert. Dies gilt sowohl für den Beginn, das Ende und die Dauer der Zugzeit. Von Hand aufgezogene Vögel in der klimatischen Gunst des Bodenseeraumes sind für derartige Untersuchungen
gut geeignete Partner, besonders deshalb, weil sie mit der Nähe des Menschen vertraut sind.

Jungvögel finden dank der genetischen Verankerung ihrer Winterziele auch ohne ihre Eltern in das Winterquartier. Junge Kuckucke überwintern in Zentralafrika, was durch die Beringstätigkeit klar nachgewiesen ist, und zwar obwohl sie von nichtziehenden Zaunkönigen, von teilziehenden, maximal ans Mittelmeer wandernden Rotkehlchen oder auch von bis nach Südostafrika ziehenden Sumpfrohrsängern aufgezogen wurden.

Die Vogelkunde bleibt zwar eine „scientia amabilis“, eine „liebliche“ Wissenschaft – nunmehr aber auch eine sehr ernsthaft betriebene / zu betreibende.

Holger Jürgensen

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