In der vogelkundlichen Forschung gelten Massensterben unserer Vögel als nicht außergewöhnlich. Diese Ereignisse sind zwar selten, aber öfter als bisher angenommen wird oder bekannt geworden ist. Meist sind sie auch in den Medien keiner überregionalen Beachtung wert. Die Wildtierbehörde der USA hat im Jahre 2010 immerhin acht Fälle dokumentiert, bei denen jeweils mehr als ein Tausend Vögel starben. Die Ursachen waren Hunger, Krankheit oder Parasiten, oft im Gleichklang. In den vergangenen zehn Jahren waren es sogar 188 Fälle mit je mindestens 1000 Vögeln.

Foto ( Jürgensen ) :  Grauschnäpper als gefährdeter Zugvogel

Vogelsterben - ein Massenphänomen?

Wir erinnern uns : In einem verschlafenen Städtchen namens "Bebe" im US-Bundesstaat Arkansas fielen in der Neujahrsnacht von 2010 auf 2011 circa 5000 Singvögel vom Himmel - amerikanische Vogelarten wie Rotschulterstärlinge, Purpurgrackeln, Braunkopfstärlinge sowie Stare. Kaum macht die Meldung in der nachrichtenarmen Zeit Schlagzeilen, wird ein ähnliches, aber weniger umfangreiches Geschehen in Lousiana bekannt. Kurze Zeit später rätseln im schwedischen Falköping die Ämter über den Tod von ein Hundert Dohlen. Und dann erschreckt in der rumänischen Schwarzmeerstadt Constanza Ende März 2011 der Tod eines Schwarmes Stare.

Das massenweise und gleichzeitige Sterben so hoher Zahlen an Singvögeln, zumal in weit voneinander entfernten Orten, lässt beinahe Urängste freien Lauf und trägt dazu bei, dass Elemente von Endzeitstimmung aufzukommen. Der geschilderte, gleichzeitige Massentod so vieler Gefiederten wirft ein Schlaglicht auf ihr grundsätzlich gefährliches Leben, besonders auf dem Zug und in die Überwinterungsgebiete.

Erklärungsversuche

Die in den USA bekannt gewordenen Fälle sind entweder auf Blitzschlag, Hagel, Vergiftung oder Sylvesterfeuerwerk zurückzuführen. Ornithologen nehmen aber zunächst einmal an, dass die häufigsten Todesfälle mit den enormen Anstrengungen zusammen hängen, denen sich die Vögel im Überlebenskampf aussetzen müssen. Nur wenige Gramm wiegende Singvögel fliegen oft ohne krafttankende Stopps über viele Kilometer aus ihren Brutrevieren in die Überwinterungsgebiete und dann wieder zurück. Viele sterben auf diesem Wege in die unbekannten Landschaften, die nicht zu ihren arteigenen Biotopen passen. Es ist sicherlich schwer, in dieser Fremde Futter zu finden und natürliche Feinde zu erkennen sowie ihnen auszuweichen.

Jährlich ziehen fünf Milliarden Vögel aus Europa und aus dem großen eurasischen Raum nach Afrika. Nach Aussagen britischer Vogelkundler kommen nur die Hälfte in ihr Brutgebiet wieder zurück - was ein Massensterben gigantischen Ausmaßes offenbart, das größtenteils natürliche Ursachen hat. Zu den ökologischen Hindernissen zählt in erster Linie das Meer. Viele Vögel können nicht schwimmen, und dennoch wählen sie keine Umwege, setzen sich oft dem Gegenwind, Regen, Sturm oder Nebel über dem Wasser aus. Der Schreiber kann aus eigener Erfahrung berichten : Am tunesischen Badestrand trieben im Frühjahr 1980 große Mengen Schafstelzen an, die einem Gewitter zum Opfer gefallen waren und an Entkräftung zugrunde gegangen waren. Zur gleichen Zeit berichteten Israelis von 1500 an den Stränden aufgesammelter toter Bussarde, Steppenadler, Gänsegeier und Störche - ein Drama, dass der Wettersturz ausgelöst hatte.

Vogelmassensterben werden aber auch durch menschliche Stressfaktoren ausgelöst. Trockengelegte Feuchtgebiete nehmen den Tieren Rastmöglichkeiten, der Tourismus, der Städtebau und der Verkehr tun ihr Übriges. Und das Sylvesterfeuerwerk kann der letzte Tropfen sein, der dann das Fass zum Überlaufen bringt.

Holger Jürgensen