Ornithologen kommen aus dem Staunen nicht heraus : Stare, die sich im Oktober  eines jeden Jahres nach Südengland aufmachen, können nach ihrer dortigen Überwinterung die Klingeltöne britischer Handys nachahmen. Dichter und Musiker finden sie interessant, Winzer und Obstbauern wünschen sie zum Teufel. Stare sind gefräßig, aber talentiert und redselig. Kein Wunder, dass die Oberpfälzer ihren Kindern früher die Herzen von Staren zu essen gaben, damit sie besser lernten.

Foto ( Jürgensen ): Zwei in Schleswig-Holstein überwinternde Stare - leben von den Körnern in
der Maissilage

Naturfreunde sehen die Schwärme, die sich jetzt im Oktober an ihren traditionellen Schlafplätzen zum Abflug sammeln, eher aus ästetischer Perspektive. Urlauber der Nordseeküste versammeln sich, um die waghalsigen Choreografien von zehntausenden Staren am Himmel zu bewundern - „Starwatching“ ist angesagt. Diese Luftakrobaten leben nach ihrer Brutzeit in Schwärmen, um ihre Feinde abzuwehren. Sobald ein Greif erscheint – zum Beispiel ein Baumfalke - , ballen sie sich in der Luft zu einer „Wolke“ zusammen. Manchmal schließen sie dabei den Beutegreifer ein und lassen den desorientierten Jäger nach unter wieder „herausfallen“.

Schwindelfrei und orientierungssicher

Wenn sie vor Einbruch der Dunkelheit ihre Schlafplätze aufsuchen, trainieren sie praktisch ihre
Wendigkeit und demonstrieren mit hinreißenden Manövern ihre Wehrhaftigkeit. Warum stoßen sie bei der Zusammenballung im Luftraum nicht zusammen ? Das ist in England und neueren Datums auch in Italien mit Hochgeschwindigkeitskameras untersucht worden. Die italienischen Untersuchungen zeigten, dass jeder Star eine Spannweite Minimaldistanz zu seinen sechs bis sieben Nachbarn hält. So synchronisiert sich ein Schwarm wie ein Makro-Organismus. Englische Ornithologen hatten festgestellt, dass nach dem langsamen Abspielen solcher Aufnahmen sichtbar wurde, dass Schwarmvögel über einen Sinn verfügen, der sich bei einer Kehre sekundenschnell von einem Individuum zum nächsten mitteilt.

Wenn jedoch Kirschen und Trauben reifen, können solche Schwärme Ernten vernichten. Mit Vogelscheuchen, Schreckschüssen und Blinksignalen lassen sich die metallisch schimmernden schwarzen Vögel mit dem weiß überperlten Gefieder nicht vergrämen. Nur brutale Abwehrmaßnahmen mit Gift und Dynamit würde Erfolg versprechen. Heute spannen die Bauern Netze über ihre Wein- und Obstkulturen oder legen Grünland als alternatives Nahrungsangebot an.

Beliebter waren Stare seit je als Käfigvögel bei armen Leuten, die solche Hausgenossen bei Bedarf auch `mal in die Pfanne schlugen. Mozart wäre wohl lieber verhungert, als sein gefiederte Lebensgefährte nach drei Jahren Lebensbegleitung im Jahre 1787 starb. Der Kompomist richtete ihm ein öffentliches Begräbnis aus und widmete ihm ein wehmütiges Lied, die mit den Worten begann :“ Hier ruht ein lieber Narr, ein Vogel Staar“.

Holger Jürgensen