Bartmeisen, die zur Familie der Drosselmeisen gezählt werden, halten sich das ganze Jahr in der Verlandungszone schilfreicher Küsten- und Binnengewässer auf. Weil sie sich auch dort in der Regel gut versteckt halten, sind sie nur schwer zu beobachten - schon eher zu hören, wenn sie ihren nasalen und metallisch klingenden Flug- und Kontaktruf „pschüng-pschüng“ ertönen lassen, oft im vielstimmigen Chor.


Foto ( Schneider / Neumann ) : Zwei männliche Bartmeisen im Schilf des Katrevels / Sylt

Die Weibchen leben monogam, während die Männchen polygam sind, das heißt, dass der männliche Vogel mit mehreren Weibchen verpaart sein kann. Nach ihm erhielt auch diese Vogelart ihren Namen, da – nur er – einen langen Bartstreifen über der hellen Kehle trägt, während die Partnerin dort eine schmutzigweiße Färbung aufweist.

Wer dennoch das Glück hat, Bartmeisen zu beobachten, dem fällt das unregelmäßige, etwas unbeständig wirkende, schwerfällige und flache Flugbild auf, das sich öfter auch durch leicht schwirrende Flügelschläge auszeichnet. Sind die Vögel erregt, zucken sie häufig mit dem, für einen Sperlingsvogel relativ langen, Stoß. Bei der Nahrungssuche turnen die Bartmeisen geschickt zwischen den Schilfhalmen herum und sind zumeist in Bodennähe anzutreffen.

Die in Schleswig-Holstein von Jahr zu Jahr wechselnden Bestandeszahlen sind in der Regel ein Ergebnis winterbedingter Ausfälle – Bartmeisen sind wohl weitgehend Standvögel - , so dass zwar neben einem schnellen Zusammenbruch der Populationen auch wieder ein plötzliches, sprunghaftes Ansteigen zu beobachten ist. Durch mehrere Bruten im Jahr und eine hohe Jungenzahl können diese Verluste schnell wieder ausgeglichen werden. Es gibt aber durch Ringfunde belegte Wanderungen von Bartmeisen, die sogar mehrere Hundert Kilometer betragen können. Beringte Kleinvögel sind nach ihrem Ableben nur schwer auffindbar, so dass selbst bei hohen Beringungszahlen aussagekräftige Forschungsergebnisse zu wünschen übrig lassen, wenn letztlich nur zwischen einem und drei Prozent an Wiederfunddaten zur Verfügung
stehen.

Meistens legen drei bis fünf Weibchen ihre Nester in einem Männchenrevier an, das ab März von ihm verteidigt wird. Der Nestbau erfolgt dicht über dem Boden, im gebrochenem Schilf, aber auch in dichtem Gestrüpp von Brombeeren und Brennesseln. Die Weibchen übernehmen alleine das Brutgeschäft und füttern anschließend ihre Jungen, nur bei einer unmittelbar darauf folgenden Brut übernimmt auch der Hahn die Betreuung der Jungvögel der ersten Brut. Eine Untersuchung ergab, dass Bartmeisen zum Beispiel im Juni vorwiegend die Larven und im Juli dann die Puppen der zu dieser Zeit dominierenden Schilfeule aus dem unteren Teil des Schaftes des Rohrkolbens verfüttern. Schilfeulen sind kleine Schmetterlinge, die strohfarben bis ziegelrot gefärbt sind.

Im Winter frisst die Bartmeise vorwiegend den Samen vom Schilf, der ab September - gegenüber anderen Gräsern - spät reift; aber auch die Saat besonders vom Rohrkolben und von anderen Pflanzen wie vom Ampfer, von Gänsefußgewächsen und Weidensamen dienen ihrem Auskommen. Die Bartmeise nimmt darüber hinaus auch überwinternde Stadien von wirbellosen Tieren auf. Bei der Verdauung der Samen helfen dem Vogel kleine Magensteinchen, der sogenannte Grit. Daher erscheint es auch logisch, dass die Brutareale der Bartmeise in der Nähe direkt zugänglicher und sandiger Uferabschnitte liegen. Mit Hilfe dieser dort aufgefundenen Steinchen und eines verdickten Keratinhäutchen im Muskelmagen können die Schilf- und andere Gräsersamen reibend aufgeschlossen werden. Der größte Anteil des Grits und die Keratinhaut werden im Frühjahr nach erneuter Umstellung auf Insekten-Nahrung wieder ausgeschieden. Problematisch wirken sich strenge Winter aus, wenn die Tiere keinen Zugang zu den Rispen der dann eisbedeckten Halme finden.

Die Bartmeise gehört nicht der großen Familie der Meisen an, sondern ist auf Grund ihrer Biologie in eine eigenständige Familie gestellt worden. Durch ihre hoch spezialisierte Lebensraumwahl in Schilfbeständen, unterscheidet sie sich von den echten Meisen.

In Mitteleuropa kam es in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu starken Bestandsanstiegen der niederländischen Brutbestände, vor allem in den Ijisselmeer-Poldern. Die dort brütenden Vögel zogen außerhalb der Brutzeit umher und besiedelten dann nach und nach neue, mitteleuropäische Brutplätze – und somit auch bei uns.

Holger Jürgensen