Die weite Reise der Zugvögel ist mit vielen Gefahren verbunden. Wer nicht über ausreichende Fettreserven verfügt, erreicht sein Ziel eventuell gar nicht mehr. Und auch Unwetter wie Stürme oder Hagelschlag können das Aus für ein Zugvogel-Leben sein. Nicht vergessen dürfen wir die Gefahren, die vom Menschen ausgehen durch die Jagd und die Lebensraumzerstörung. Von den zwei Milliarden Vögeln, die zum Beispiel die Sahara überqueren, sterben 80 Millionen, bevor sie ihr Ziel erreicht haben. Wäre es da nicht sicherer, ein Standvogel-Dasein zu führen ?

Zug- oder Standvogel : Wer lebt erfolgreicher ?

Vergleicht man den Bruterfolg der Zugvögel mit den Standvögeln, so zeigt sich bei den Zug-vögeln, dass ein Gelege pro Jahr ausreicht, um die Arten zu erhalten. Standvögel hingegen müssen oft mehrmals pro Jahr brüten, um die gleiche Nachwuchs-Erfolgsrate zu erzielen. Das bessere Nahrungsangebot für die Zugvögel macht also die Verluste durch die mit dem Zug verbundenen Gefahren wieder wett. Zugvögel reifen zudem bereits im Ei schneller heran als ihre sesshafte Verwandtschaft, und sie sind daher bestens gerüstet für den rechtzeitigen Start in ihr Winterquartier.

Wiederfund Rauchschwalbe in Italien
Foto ( Jürgensen ) : Muster Wiederfund einer Rauchschwalbe aus Schleswig-Holstein in Italien

Zugvögel sind Meister der Präzision

Zug verpasst ? In einer fremden Stadt verfahren ? Das sind typische menschliche Schwächen. Unpünktlichkeit und Verirren in einer fremden Umgebung kann einem Zugvogel nicht passieren. Zugvögel sind Meister der zeitlichen und räumlichen Präzision. Ankunft- und Wegzugzeiten können bei manchen Vogelarten bis zu wenigen Tagen genau vorherbestimmt werden. Und sie finden ihre Ziele punktgenau wieder. Eine Rauchschwalbe beispielsweise kann Jahr für Jahr zwischen dem gleichen kleinen Nest in einem ganz bestimmten Kuhstall in Deutschland und ihrem Lieblingsschlafplatz im selben kleinen Papyrus-Uferstreifen im Winterquartier im Kongo pendeln. Eine für uns vollkommen unvorstellbare Leistung !

Der antike Start der Vogelzugforschung

Schon vor Tausenden von Jahren war man von der Anmut der zeitlichen Präzision des Vogelzuges fasziniert. Aristoteles, der berühmteste Naturkundler der klassischen Antike, hat die Vogelkunde im vierten Jahrhundert vor Christus erstmals in den Rang einer Wissenschaft erhoben. Seine Annahme war : Schwalben überwintern, wie auch Amphibien, schlafend im Schlamm am Grunde des Sees. Seine „Transmutations-Theorie“ besagte, dass die rote Färbung der Brust von Vögeln im Winter in den Schwanz hinunterwandert und im Sommer wieder nach oben. Dabei handelte es sich in Wirklichkeit um bei uns überwinternde Rotkehlchen, die ihr Brutgebiet in Skandinavien hatten sowie um in Mitteleuropa brütende Rotschwänze, die in Afrika überwintern.

Aus heutiger Sicht mag diese Theorie skurril erscheinen, allerdings hatte man zu jener Zeit natürlich nicht die heutigen Möglichkeiten, weit zu reisen und mehr über Vögel in anderen Regionen zu erfahren. Nicht zu vergessen : Die heute zur Verfügung stehende Optik eröffnet ganz andere Möglichkeiten.

Die Zeit der großen Entdeckungen

Die Zeit der weiten Handelsreisen und der großen Entdeckungen fiel in das fünfzehnte Jahrhundert. Reisende beobachteten, dass sich Störche in Afrika aufhielten und das zu einer Zeit, in der sie in Mitteleuropa fehlten. Damit brachen viele alte Vogelzug-Hypothesen zusammen. Neue waren allerdings noch nicht greifbar. So hielt sich das Märchen vom „Winterschlaf der Vögel“ noch ziemlich lange. Selbst Vermutungen von Vogelzügen zum Mond kamen auf. Im Jahre 1702 wurde allerdings bereits von einem Herrn von Pernau erkannt, dass so etwas wie einen „verborgenen Zug“ geben müsste und die Vögel nicht erst durch Hunger und Kälte zum Ziehen veranlasst werden.

Holger Jürgensen

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