Ein kleiner Ring – ein großer Schritt für die Vogelzugforschung


1884 fand in Wien der erste internationale Ornithologenkongress statt. In der Folge wurde 1901 die erste ornithologisch-biologische Forschungs-station der Welt gegründet, um den Vogelzug systematisch zu erfassen: Die Vogelwarte Rossitten auf der Kurischen Nehrung im ehemaligen Ostpreußen.

Nur ein paar Jahre vorher, 1890, hatte der dänische Lehrer Mortensen damit begonnen, Stare am Bein mit Metallringen zu versehen. In die Ringe hatte er seine Anschrift eingeritzt, und er bekam so Rückmeldung von Vogelfreunden in Frankreich, wie viele Tiere dort geschossen wurden. Dadurch konnten Wissenschaftler erstmals die Zugwege der Vögel in etwa nachvollziehen.


Foto ( Jürgensen ) : Muster Wiederfund einer Rauchschwalbe aus Dänemark in
Schleswig-Holstein

Das Beringungsexperiment übernahmen im Jahre 1903 die Wissenschaftler der Vogelwarte Rossitten. Diese Methode – obwohl nun schon seit über einhundert Jahre alt – wird auch heute immer noch erfolgreich eingesetzt. Inzwischen haben Vogelkundler in Europa über einhundertzwanzig Millionen und weltweit mehr als zweihundert Millionen Vögel beringt. 1931 konnte der erste Atlas des Vogelzuges herausgegeben werden.

Mit Mönchsgrasmücken das Geheimnis des Vogelzuges gelüftet

Die Theorie des angeborenen Zuginstinktes, die Herr von Pernau schon 1701 aufbrachte und die immer mehr Anhänger in Forscherkreisen fand, konnte lange nicht durch Experimente bestätigt werden. Wie also die Vermutungen über unmittelbare genetische Steuerungen des Vogelzuges oder über schnelle Selektionsvorgänge beweisen ? Das war durch Kreuzungsexperimente im großen Maßstab möglich. An der Vogelwarte Radolfzell, dem Tochterinstitut der Vogelwarte Rossitten, führten Wissenschaftler über Jahre hinweg ein Großexperiment mit über dreitausend Mönchsgrasmücken durch. Da diese Vogelart weit verbreitet ist und sowohl Nichtzieher, Kurz- und Langstreckenzieher unter ihnen vorkommen, waren Mönchsgrasmücken für die Entschlüsselung der genetischen Grundlagen des Vogelzuges besonders gut geeignet.

Messungen der Zugunruhe und Orientierungen unterschiedlichster Mönchsgrasmücken- Kreuzungen bestätigten bald die Theorie eines angeborenen Zuginstinktes. Bei Zugvögeln sind der Zeitpunkt des Abfluges sowie die Flugdauer und -richtung also genetisch fixiert.

Highspeed-Evolution

Vögel scheinen generell Teilzieher zu sein, die entweder stärker in Richtung Zugvogel oder in Richtung Standvogel tendieren. Aus einer reinen Zugvogelpopulation konnte man Standvögel züchten und umgekehrt. Und dies in einem Rekordtempo ! Solche genetischen Veränderungen nehmen normalerweise Tausende von Jahren in Anspruch. Bei den Mönchsgrasmücken zeigte sich hingegen schon nach wenigen Generationen eine starke Verhaltungsänderung, die schnellste genetisch verankerte, die Biologen bisher bei Wirbeltieren feststellen konnten.

Die Klimaveränderung und ihre Konsequenzen

Die globale Klimaerwärmung bleibt auch für den Vogelzug nicht ohne Folgen. Langstreckenzieher, die vorher von Nordeuropa nach Afrika geflogen sind, überwintern jetzt plötzlich im Mittelmeergebiet, und einige mitteleuropäische Zugvögel fliegen später oder gar nicht mehr weg, und sie entwickeln sich in Richtung Standvögeln. Wenn der Trend zur Klimaerwärmung also bleibt, könnte sich innerhalb von 15 Jahren so einiges in Sachen Zugvogel ändern. Exotische Silberreiher könnten sich dann beispielsweise bei uns heimisch fühlen und auch brüten.

Mit Hightech auf Nils Holgerssons Spuren

Hightech hat inzwischen auch vor der Zugvogelforschung nicht halt gemacht. Auch die Vogelforscher bedienen sich inzwischen der Radar- und Funkpeilung, um den Tieren folgen zu können. Doch die Reichweite dieser Techniken sind begrenzt. Daher müssen die Wissenschaftler den Tieren im Auto oder Flugzeug folgen, und immer wieder kommt es vor, dass die Vögel aus dem Peilbereich hinausfliegen. 1990 kam dann aber der Durchbruch in der Vogelzug-Forschung.

Die Vogelwarte Radolfzell führte, in Zusammenarbeit mit der Bundeanstalt für Naturschutz, die Satelliten-Telemetrie in Europa ein. Die Methode wurde bereits schon zehn Jahre vorher bei Eisbären und Karibus eingesetzt, aber erst jetzt waren die Minisender so klein und leicht geworden, dass man sie auch Vögeln auf den Rücken schnallen konnte. Die Antenne des „Sender-Rucksacks“ ist permanent in Verbindung mit vier Satelliten, die in ungefähr 850 Kilometer Höhe die Erde umkreisen. Bis zu 15 Ortungen sind so am Tag möglich. So können an die 2.000 Ortungen während eines Zuges aus Deutschland etwa bis hinunter an die Südspitze Afrikas durchgeführt werden.

Noch nie konnten in wenigen Jahrzehnten so viel neue Erkenntnisse über Zugvögel gewonnen werden. Aber auch noch nie sind Zugvögel während unserer Menschheitsgeschichte so stark global in Gefährdung gekommen. Viele Zugvogelarten mussten inzwischen in die „Roten Listen bestandsgefährdeter Tierarten“ aufgenommen werden. Grund genug also, behutsam mit Tieren und ihren Lebensräumen umzugehen, damit uns das Phänomen „Vogelzug“ noch lange faszinieren wird.

Holger Jürgensen

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