Ein Blick in den historischen Brutvogelatlas der Schweiz, in dem die Vogelbeobachtungen der Schweizerischen Vogelwarte Sempach und der dortigen Hobbyornithologen seit 1950 festgehalten werden, dokumentiert die Veränderung der Avifauna im Alpenstaat in den letzten 60 Jahren. Die Bestände sind zurückgegangen, und einige Vogelarten sind ganz verschwunden.


Foto : Balzender Auerhahn in der Schweiz

Es gibt aber auch positive Entwicklungen: Vögel sind bekanntlich gute Indikatoren für den Zustand der Umwelt. Die Entwicklung ihrer Verbreitung zeigt den Wandel des Klimas und der Kulturlandschaft auf. Das Wachstum der Bevölkerung, die Klimaerwärmung, der rasante landwirtschaftliche Strukturwandel und – interessant – die Zunahme der dortigen Waldfläche wirken sich auf den Vogelbestand in der Schweiz aus.

In einer aufwändigen Studie hat die Schweizerische Vogelwarte über 70 000 Meldungen von Brutvögeln aus den 1950er Jahren ausgewertet. Man griff auf alte Notizbücher von Hobbyornithologen und Archive, in denen Vogelbeobachtungen festgehalten worden waren, zurück. Mit den so gewonnenen Daten ließen sich Aussagen über die Umweltentwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts machen. Bei 34 der rund 200 Vogelarten, die in der Schweiz brüten, wurde ein Rückgang des Ausbreitungsgebietes festgestellt, bei 32 Arten eine Zunahme. Vor allen Dingen die Veränderung im Kulturland machen sich einschneidend bemerkbar. Für Vögel wichtige Lebensräume haben sich verändert, und die Zahl der Insekten ging zurück, was zum Beispiel zum Aussterben des Raubwürgers und des Schwarzstirnwürgers geführt hat.

Wie sich diese Veränderung auf den Vogelbestand auswirken, sieht man typischerweise beim Wiedehopf. Noch in den 1950er Jahren war diese Vogelart im schweizer Mittelland weit verbreitet. Auch im Jura und in den Alpen war der Vogel mit dem auffälligen Kopfschmuck anzutreffen. In den 1970er Jahren brütete er nur noch regional, und in den 1990er Jahren spürten Vogelkenner lediglich lokale und sporadische Bruten auf. Wegen angelaufener Schutzmaßnahmen nimmt der Bestand wieder etwas zu, möglicherweise auch bedingt durch den Klimawandel, da der Wiedehopf die Wärme liebt.

Es gibt aber auch Vogelarten des Kulturlandes, die profitiert haben – insbesondere weil die Jagd auf sie zurückging. Der Bestand der Saatkrähe hat sich zum Beispiel derart gut entwickelt, dass es ihr wieder an den Kragen gehen soll - zumindest hat der schweizerische Bundesrat dies vorgeschlagen. Welche Folgen Verbesserungen des Umweltzustandes haben können, zeigen Vogelarten, die große Gewässer besiedeln. Verschiedene Entenarten konnten dort ihre Areale ausweiten. Auch dem Fisch fressenden Gänsesäger behagt es in der Schweiz – ganz zum Leidwesen der Fischer, die über Verluste an ihren Fängen klagen.

An den Gewässern ließen sich neue Vogelarten nieder, so die Reiherente und die Mittelmeermöwe, eine Unterart unserer bekannten Silbermöwe. Kurz vor dem Aussterben befinden sich aber der Große Brachvogel und die Bekassine. Am wenigsten Veränderungen verzeichnen die Ornithologen im Wald, dem artenreichsten Lebensraum der Brutvögel. Hier wirkt sich der Waldschutz, der Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz eingeläutet wurde, positiv aus. Allerdings bekommen einigen Arten – wie Hasel- und Auerhuhn – die Störungen durch die Forstwirtschaft und durch die Freizeitaktivitäten nicht gut. Den Ziegenmelker, der lichte Wälder bevorzugt, trifft man ebenfalls nur noch selten an, da die Wälder immer dichter werden. Der Pflanzenschutzmitteleinsatz in den Weinbergen dezimiert seine Hauptnahrung, die Nachtfalter.

Auswirkungen der Klimaerwärmung auf den Vogelbestand sind ebenfalls festzustellen. Während nun subtropische Arten wie der prächtige Bienenfresser in der Schweiz und in Süddeutschland brüten, verschieben sich die Brutgebiete einzelner Arten immer mehr in höhere Lagen der Alpen. Dies ist zum Beispiel bei der Ringdrossel der Fall, einem bei uns aus Skandinavien durchziehender Zugvogel. Es ist schon interessant, wie sich – die Brutvogelwelt betreffend - an vielen Beispielen die Verhältnisse in Europa vergleichen lassen und sich ähnliche Probleme ergeben.

Holger Jürgensen