Wenn auch das Vogelskelett die typische Form eines Wirbeltieres aufweist, so haben sich doch im Verlaufe der Evolution gerade auch hier spezifische Änderungen entwickelt, die eng mit der Lebensweise der Vögel im Zusammenhang zu sehen sind. Alle Wirbeltiere verfügen über ein Skelettsystem mit einer Wirbelsäule - daher ihr Name - , deren einzelne Wirbel das zentrale Nervensystem beherbergen, das vom Steißbein bis zum Schädel verläuft. Bei unseren Vögeln hängt die Anzahl der Wirbel von der Länge des Halses ab; daher können es zwischen 39 und 63 Wirbel sein.

Andererseits ist anzumerken, dass Morphologen – die sich mit der äußeren Gestalt von Lebewesen befassen – sich über die endgültige Zahl von Wirbeln in der Avifauna nicht einig sind, da im Brust- und im Schwanzbereich ein Verwachsen mit anderen Skelettteilen eine Differenzierung unmöglich macht.


Foto ( Scheel, Scharstorf ) : Junger Turmfalke bei der Flugübung

Das Skelett der Vögel zeichnet sich verständlicherweise durch seine Leichtigkeit aus. Vogelknochen sind weitgehend hohl und nicht mit Mark gefüllt, was eine Gewichtsreduzierung mit sich bringt. Die meisten Muskeln tragen Vögel auf ihrer unteren Körperhälfte, während sich am Rücken kaum Muskelstränge befinden. Die stärksten Muskeln stellen bekanntlich die Flugmuskeln dar, die an einem Fortsatz des sehr kräftig entwickelten Brustbeines ansetzen. Die für das Anheben und Senken der Flügel verantwortlichen Partien nehmen z.B. bei der Ringeltaube ein Fünftel des Körpergewichtes ein, bei den äußerst agilen und flugaktiven Kolobris machen sie dagen wegen der extrem entwickelten Flugmuskulatur etwa ein Drittel aus.

Alle Vögel sind bekanntlich von einem Federkleid bedeckt, das vorwiegend dem Schutz des Körpers dient und mithilft, ihre Körpertemperatur von 41 bis 42 `C durch seine wärmenden und isolierenden Eigenschaften aufrecht zu erhalten. Während die keimende Feder stark durchblutet ist und sehr schnell wächst, stellt sie im ausgewachsenen Zustand ein totes, aber dennoch höchst kompliziert gebautes Horngebilde dar. Die Federn dienen natürlich vor allen Dingen dem Flug, denn sie sind leicht und so angelegt, dass sie der Luftströmung nur geringen Widerstand entgegensetzen. Zurecht heißen die Schwanzfedern zugleich Steuerfedern, denn sie ermöglichen die Steuerung beim Fliegen und bei der Landung. Die Schwungfedern an Hand- und Armflügel tragen den Vogel in der Luft.

Alle heute lebenden Vogelarten haben Vorfahren, die fliegen konnten. Jedoch ist diese Fähigkeit bei einigen Arten verloren gegangen; die Flügel sind bei ihnen zurückgebildet oder haben andere Funktionen übernommen. Wir denken anlässlich der Entwicklung dieser anatomischen Besonderheit an die flugunfähigen Laufvögel wie Strauße, Nandus, Emus, Kasuare und Kiwis sowie an die mit den Flügeln tauchenden und schwimmenden Pinguine.

Übrigens : Amerikanische Wissenschaftler haben sich der mühsamen Aufgabe unterzogen, alle Federn der in die Neue Welt eingeführten Haussperlinge zu zählen. Im Sommer waren es 3.140 bis 3.200, im Winter – aus verständlichen Gründen – 3.550 bis 3.620 Federn.

Entgegen der Atmung der meisten Wirbeltierarten, bei denen die Lungen nur während des Einatmens mit Sauerstoff versorgt werden, funktioniert die der Vögel etwas anders, denn bei ihnen werden die Lungen sowohl bei der Ein- als auch bei der Ausatmung mit sauerstoffhaltiger Luft versorgt. Dieses ermöglichen spezielle, paarig angelegte Luftsäcke, die nach einem besonderen Schema an der Atemtechnik mitwirken. Der Atmungstrakt der Vögel lässt sich in zwei anatomisch und funktionell unterschiedliche Systeme einteilen, und zwar in die starre Lunge, in der der eigentliche Gasaustausch stattfindet und in das System von stark flexiblen Luftsäcken, die die Ventilation der Lunge bewerkstelligen. So erscheint uns der Gesang der in der Luft rüttelnden Feldlerche, als ob der Vogel ohne Pausen zum Luftholen ihr Lied trällert.

Die Wissenschaft um die Anatomie der Vögel erscheint uns hochinteressant, und sie lädt uns immer wieder ein, sich mit der „scientia amabilis“ - der lieblichen Wissenschaft Vogelkunde – zu beschäftigen, zumal dadurch manche besondere Beobachtung in der Feldornithologie erklärt werden kann.

Holger Jürgensen