Das "Komitee gegen den Vogelmord e.V." hat vor einiger Zeit eine Arbeit über das Thema "Vogeljagd in Europa" erstellt. Dabei geht der Verein davon aus, dass sich von den rund 500 in Europa brütenden oder überwinternden Vogelarten mehr als 200 in einem "ungünstigen Erhaltungszustand" befinden, was die renomierte Organisation "Birdlife International" bestätigt.

Gefährdungen schlimmer als erwartet

Dieser zum Teil dramatische Rückgang vieler Vogelarten stellt eine ernsthafte Gefahr für die biologische Vielfalt und daher eine Bedrohung des natürlichen Gleichgewichtes in Europa dar. Zunehmender Landschaftsverbrauch, intensive Landnutzung, dramatisch abnehmendes Vorkommen von Insekten, die Verwendung von Bioziden, menschliche Verfolgung und Störungen gelten für viele Vogelarten als entscheidende Gefährdungsfaktoren in den Brutgebieten.



Foto ( Jürgensen ) : Beute am Gürtel des maltesischen Jägers - Pirol und Bruchwasserläufer                                                               

Ziehende Vogelarten unterliegen darüber hinaus auf ihren Zugrouten und in den Überwinterungsgebieten weiteren limitierenden Ursachen wie Dürre in der Sahelzone, unkontrolliertem Biozideinsatz in Afrika, der Zerstörung und Veränderung von Rastplätzen sowie Jagd, Vogelfang und Wilderei auf ihrem Flug in den Winteraufenthalt und zurück. Einen Hinweis auf die Bedeutung von Gefährdungsfaktoren außerhalb der Brutgebiete liefert die Beobachtung, dass die Bestände von Langstreckenziehern in den letzten Jahrzehnten auffällig stärker abgenommen haben als die von Kurzstreckenziehern, Strich- oder nicht ziehenden Standvögeln.

Jäger als Hauptursache?

Die Rolle der Jagd beim Rückgang von Zugvogelarten ist europaweit ein vielfach diskutiertes Thema, über das die Meinungen von den unterschiedlichen Verbänden oft weit auseinander gehen. Es erscheint in dieser Frage endlich eine nüchterne Analyse der Zahlen und der biologischen Zusammenhänge zweckmäßiger zu sein als die vielen Vorwürfe und emotionsgeladenen Diskussionen zwischen den Parteien.

Trotz dieser mittlerweile über 30-jährigen Erkenntnis sind genaue Abschätzungen der durch Jagd in Europa verursachten Mortalitätsraten bisher nur für wenige Arten veröffentlicht worden. Hintergrund ist vor allem die Tatsache, dass Zugvögel auf ihren Wanderungen eine große Zahl verschiedener Staatsgebiete mit stark voneinander abweichenden Jagdsystemen überfliegen. Innerhalb der EU veröffentlicht ein Teil der Mitgliedstaaten jährlich oder in regelmäßigen Abständen vollständige Jagdstrecken auf nationaler Ebene - wie die Bundesrepublik Deutschland. Oft stehen aber lediglich unvollständige Daten oder gar Schätzungen über die Anzahl der jährlich gestreckten Vögel zur Verfügung. Ungeachtet dieser Datenlücken erlauben die Gesetze zahlreicher EU-Länder weiterhin den Abschuss und Fang von Feldlerche, Kiebitz, Brachvogel, Uferschnepfe, Saatgans, Knäkente, Spießente, Bekassine, Wachtel und Turteltaube, deren europäischen Bestände in den letzten Jahrzehnten in Besorgnis erregendem Umfang abgenommen haben.

Aber auch in unserem Bundesland beklagen ernsthafte Ornithologen zum Beispiel die Jagd in einigen Kreisen Schleswig-Holsteins auf das Rebhuhn, das wegen seines geringen Vorkommens und akuten Gefährdung sogar auf der sogenannten "Roten Liste" steht. Inzwischen ist diese Vogelart in den Kreisen des östlichen Hügellandes auf Grund der dort geführten Landbewirtschaftung fast ausgestorben, so dass hier in einem mit Dänemark grenzübergreifenden, aufwendigen Wildtiermanagement zum Schutze des Rebhuhnes und seiner Lebensräume in der Agrarlandschaft erfolgversprechende Schutzmaßnahmen angelaufen sind.

EU-Maßnahmen auf dem Prüfstand

Im Jahre 1997 beschloss die EU-Kommission die Entwicklung von Managementplänen für 22 in Europa bejagte Vogelarten, die einen unvorteilhaften Erhaltungsstatus aufweisen. Diese Pläne sind schließlich die unverzichtbare Grundlage zur Kenntnisgewinnung der jagdlich bedingten Mortalität und anderer Rückgangsursachen in den Brutgebieten und auf den Zugrouten. Was ist daraus geworden ?

In Frankreich dürfen nach wie vor Kiebitze und Feldlerche mit Netzen gefangen werden, ebenfalls Dosseln mit Rosshaarschlingen, Leimruten und Steinquetschfallen; in Spanien werden jährlich 900.000 Drosseln in riesigen Anlagen mit Leimruten gefangen; in Italien werden sie in Netzanlagen - in sogenannten "roccoli" - gefangen, um sie als Lockvögel für die Tarnhüttenjagd zu verwenden; und auf Malta dürfen "traditionsgemäß" weiterhin Goldregenpfeifer, Kiebitze, Turteltauben und Wachteln mit Netzen und unter Einsatz von lebenden Lockvögeln gefangen werden - illegal wird auf dieser Insel - nach eigenen Beobachtungen - auf alles geschossen, was sich auf Flügeln bewegt.

Mit einer nicht ganz ernst gemeinten Bemerkung soll dieses Kapitel abgeschlossen werden : Unter den geschilderten Umständen kann der Klimawandel für die Zugvögel eigentlich gar nicht schnell genug kommen, da die Gefiederten es dann nicht mehr nötig hätten, auf ihrem Herbstwegzug in die bisher traditionellen Vogeljagdgebiete des Mittelmeeres zu fliegen. Dieser Trend ist ja bereits zu erkennen !

Holger Jürgensen