Mit dem Beginn einer Brutperiode wird jeweils der Zeitpunkt verstanden, an dem entweder das gesamte Gelege eines Vogels vorhanden ist oder einer der Partner fest brütet. Da der jährliche Anfang des Fortpflanzungszyklus von Vogelart zu Vogelart und von Jahr zu Jahr variiert, lassen sich hinsichtlich des genauen Termins nur allgemeine Hinweise geben, zumal auch innerhalb eines Verbreitungsgebietes Unterschiede auftreten. So beginnt der Nestbau im Süden und im Westen meistens früher als im Norden oder Osten.




Fotos ( Asbach und Jürgensen ) : Mehlschwalbenkolonie – Nester mit einem seitlichen Eingang Rauchschwalbenjunge in einem nach oben offenen Nest

Die in der arktischen Tundra brütenden Arten müssen zunächst die Schneeschmelze abwarten oder verzichten in kühlen Sommern gar ganz auf die Brut. In den gemäßigten Zonen brüten Vögel gewöhnlich im Frühjahr und Frühsommer. Der Fortpflanzungstrieb wird von innersekretorischen Drüsen und ihrer Hormonausschüttung gesteuert, die ihrerseits wieder dem Einfluss der zunehmenden Tageslänge in der ersten Hälfte des Jahres unterliegen. Auch die in dem gleichen Zeitraum steigende Temperatur scheint in einem gewissen Rahmen unmittelbar auf das Brutverhalten und den Beginn der Singetätigkeit des Männchens einzuwirken. Der genaue Brutbeginn variiert – wie bereits erwähnt - von Vogelart zu Vogelart, ist aber über die in Jahrhunderten abgelaufene Evolution so abgestimmt, dass die Jungen jeweils in der Zeit des günstigsten Futterangebotes schlüpfen.

Über die Beendigung des Brutgeschäftes der Vögel ist oft wenig bekannt. So ist die Dauer der Eiablage, der Bebrütung, die Anzahl der Jahresbruten und der Nestlingszeit bei einer einzelnen Brut zwar nicht allzu schwer zu erfassen, jedoch verlängern hin und wieder Nachgelege als Folge von Störungen den Zyklus erheblich, während in anderen Fällen massive Beunruhigungen sogar zum vorzeitigen Abbruch des Brutgeschäftes führen können.

Mehrere Jahresbruten können deutlich gegeneinander abgesetzt sein oder sich sogar überlappen, wobei dann der Vogelhahn noch die Jungen der ersten Brut füttert, während das Weibchen schon auf den Eiern der zweiten Brut sitzt. Dies können wir ganz explizite bei den sogenannten Schachtelbruten der Eisvögel feststellen. Da weiterhin bei Arten mit mehreren Jahresbruten verlorene Gelege sehr schnell ersetzt werden, ist es immer recht schwierig, ohne ein Beobachtungsprotokoll zu einem bestimmten Zeitpunkt die jeweilige Phase des Brutzyklus zu bestimmen.

Eine Brutperiode endet normalerweise im Spätsommer oder Frühherbst mit der Mauser, dem teilweisen Federwechsel der adulten Vögel. Einige Arten, die im Brutgebiet überwintern, ziehen bis spät im Jahr Junge auf. Die Männchen können sogar noch einmal zu einem bescheidenen Gesang stimuliert werden, wie zum Beispiel Stare und Amseln. Diesen leisen, kontinuierlichen und variationsreichen Gesang bezeichnen wir mit einem englischen Begriff als „Subsong“. Die Schwalben dagegen, die im Winterquartier mausern, können sogar späte, nur halb aufgezogene Bruten verlassen ( die daraufhin verhungern müssen ), um sich auf den Zug zu begeben. Hier wird sehr deutlich, dass in der Vogelwelt von einer „Liebe zum Nachwuchs“ nicht die Rede sein kann, sondern dass die abnehmende Tageslänge die Altvögel quasi hormonell zwingt, ihren eigentlichen „Verpflichtungen“ nicht mehr nachzukommen.

Holger Jürgensen