Der Vogelembryo braucht zu seiner Entwicklung gleichmäßige Wärme. Diese liefern die Altvögel mit ihrer Körperwärme, die gewöhnlich durch besondere Brutflecken – nackte, federlose Hautstellen -, die sich bei den meisten Arten während der Brutzeit auf der Körperunterseite bilden, leicht abgegeben wird. Keine Brutflecken besitzen die pelagisch – auf dem Wasser - lebenden Entenvögel, Kormorane, Schlangenhalsvögel und Tölpel. Letztere wärmen das einzelne Ei mit ihren Schwimmhäuten, die sie über das Ei legen, bevor sie sich über ihm niederlassen. Ein Brutfleck würde die Altvögel auf dem Wasser sicher zu stark auskühlen.


Foto ( Jürgensen ) : Uhu-Familie, Brutbeginn ab 1. Ei, mit einem „Orgelpfeifen-Effekt“

Die Brutdauer umfasst die Zeit von der Eiablage bis zum Schlüpfen des Jungvogels. Ohne Kennzeichnung unmittelbar nach dem Legen und genauer Beobachtung während des Schlüpfens ist ihre zeitliche Länge nur schwer zu bestimmen. Es gibt zahlreiche Faktoren, die zu Schwankungen der Brutdauer beitragen. Eier werden gewöhnlich im Abstand von ein oder zwei Tagen abgelegt. Wenn die Bebrütung mit dem ersten Ei einsetzt, schlüpfen die Jungen in entsprechenden Abständen und unterscheiden sich während der Nestlingszeit deutlich in der Größe. Wenn der eigentliche Brutbeginn jedoch bis zur Ablage des letzten Eies hinausgeschoben wird, kann das zuerst gelegte Ei auf Grund der zwischenzeitlich aufgenommenen Wärme schon eine gewisse Entwicklung durchlaufen haben. Infogedessen variiert die Brutdauer von Ei zu Ei ein wenig, obwohl im Ganzen gesehen die Jungen eines solchen Geleges erstaunlicherweise auch in rascher Folge schlüpfen.

In der frühen Jahreszeit kann mangelnde Wärme die weitere Keimesentwicklung verzögern, ist aber offensichtlich nicht weiter schädlich. Zu einem späteren Zeitpunkt kann Unterkühlung dagegen zum Absterben des Keims führen. Eine bemerkenswerte Ausnahme bilden die Embryonen der Sturmschwalben und Sturmvögel, die an mögliche Brutunterbrechungen angepasst scheinen und bei denen die Jungen auch nach einer mehrere Tage andauernden Unterkühlung noch zu schlüpfen vermögen. Diese Widerstandsfähigkeit ist vermutlich als arterhaltendes Merkmal gerade bei solchen Vogelarten ausgeprägt, bei denen die Altvögel nur nach langen Unterbrechungen zum Nest zurückkehren. Manches spricht dafür, dass Unterkühlung auch bei Singvögeln die Brutdauer um ein bis zwei Tage verlängert, ohne dass der Jungvogel in seiner Entwicklung Schaden nimmt. Mauersegler werden zum Beispiel viele Stunden, eventuell auch Tage, wegen widrigen Wetters vom Brutstandort ferngehalten, so dass auch während der Huderphase die Jungen verklammt dahindämmern können, aber sich nach einem neuen Nahrungsschub und Wärmung durch den Altvogel normal weiter entwickeln. Während des Brütens wendet der sitzende Altvogel häufig die Eier. Diese Vorgehensweise soll für die Embryonalentwicklung notwendig sein, obwohl sich Eier auch schon erfolgreich entwickelten, als sie experimentell im Nest befestigt wurden, so dass sie sich nicht bewegen ließen.

Der Anteil der Geschlechter beim Brutgeschäft schwankt bei den einzelnen Vogelarten. Männchen und Weibchen – bei den Gefiederten sollte man eigentlich von Hahn und Henne sprechen – können gleichmäßig beteiligt sein, jedoch im Extremfall kümmert sich ausschließlich ein Partner um die Brut und die Jungenaufzucht, wie es bei den Enten zu beobachten ist. Das Maß der Betreuung des Geleges kann von ausdauerndem Sitzen einerseits bis zu weniger intensivem Brüten mit längeren Unterbrechungen andererseits reichen, was besonders in wärmeren Klimaten vorkommt.

Holger Jürgensen