Wer bisher der Meinung war, dass die Gründung einer Vogelschutzgruppe in Eutin erst im Jahre 1948 vollzogen wurde, wird sicher erstaunt aufmerken, wenn er liest, dass in der Jahresveröffentlichung 1912 des Bundes für Vogelschutz e.V., der 1899 von Frau Lina Hähnle in Stuttgart gegründet wurde, unter 207 Ortsgruppen auch eine Eutiner Ortsgruppe mit 15 Mitgliedern unter dem „Vertreter“ Major Scharff aufgeführt wird. Die Nachfolge-organisation mit dem Namen „Naturschutzbund“ hätte also in unserer Kreisstadt allen Grund, in diesem Jahr den 100. Geburtstag zu feiern.


Fotos : Illustrierte Darstellung im Kampf gegen den Federhandel in Deutschland aus den Jahren vor dem ersten Weltkrieg

Das Jahresheft 1911 weist noch keine Eintragung dieser Art auf, so dass gemutmaßt werden muss, dass in Eutin der Vogelschutz tatsächlich vor 100 Jahren aus der Taufe gehoben wurde. Es war die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, in der der „Bund für Vogelschutz“ im damaligen Deutschland immerhin bereits 21.900 Mitglieder zählte, die in 341 Ortsgruppen tätig waren. Schleswig-Holstein wird bereits 1911 als einer unter weiteren drei Landesverbänden gezählt. Sein Vorsitzender war der Schiffsbauingenieur C. Franzius aus Kiel.

Der Jahresbeitrag betrug damals 50 Pfennige; für 10 Mark war man ein Leben lang Mitglied. Unter den lebenslangen Mitgliedern befanden sich fünf Könige und Königinnen, drei Großherzöge und Großherzoginnen, acht Herzöge und Herzoginnen, drei Erbprinzen und Erbprinzessinnen, vierzehn Prinzen und Prinzessinnen, sechs Fürsten und Fürstinnen, ein Graf und ein Präsident, nämlich Herr Dr. Woodrow Wilson, der Präsident der USA. Und alle mit so schönen Titeln wie z. B. „Ihre Königliche Hoheit Herzogin Alexandrine Mathilde von Würtemberg – Aebtissin von Oberstenfeld“ …

Der kleine Ferienort Dahme in Ostholstein führte 1911 unter Herrn Dr. Sauermann bereits erstaunliche 160 Mitglieder, das große Danzig dagegen wies ohne ausdrücklich genannten Vorsitzenden nur 25 Aktive auf. Kiel hatte zur gleichen Zeit 539 Mitglieder im Bund für Vogelschutz, und zwar unter dem Konter-Admiral z.D. Ascher und unter dem bereits genannten Landesvorsitzenden.

Der Zweck des Bundes war : „in umfassender Weise zum Wohle unserer Vögel zu wirken. Zur Erreichung dieses Zweckes sucht der Bund : den Massenmord der Zugvögel zu unterdrücken, die Mode, Vogelbälge oder Teile derselben ( ausgenommen von jagdbaren oder gezüchteten Vögeln ) auf den Hüten zu tragen, energisch zu bekämpfen, durch Schaffung von Nistgelegenheiten und Fütterung im Winter zur Erhaltung unserer einheimischen Vögel beizutragen ...“

Nachdem in den anglikanischen Staaten der Federhandel bereits unmöglich gemacht worden war, forderte der Bund und fragt im Jahre 1912 „die deutsche Frau, der man so viel Gemüt nachrühmt, soll an Gefühlstiefe ( an > Sentimentalität < ) hinter der Amerikanerin oder Engländerin zurückstehen ?“ Die Sprache der Zeit …

Unter der Überschrift „Hebung des Weidwerks“ schreibt der Universitätsdozent Dr. Konrad Guenther, Freiburg i.B. folgende Grundsätze, die dem Schreiberling auch heute noch gefallen : „Unsere Tierwelt stellt einen Wert dar. Jeder einzelne unseres Volkes hat ein Recht, zu verlangen, dass der Reichtum der Natur, der ihm eine Fülle des Schönen und Interessanten bietet, nicht verkürzt wird. Die Kultur darf die Tiere, die ihr schaden, wohl in Schranken halten, aber nicht ausrotten …..Es geht nicht an, dass so hohe ideale Werte, wie sie die Tiere einer Gegend verkörpern, jedem beliebigen gegen Geldeswert ausgeliefert werden, damit er nach Gutdünken darüber schalte“.

In der Einleitung zum Tätigkeitsbericht des Bundes für Vogelschutz in ihrem Jahresheft 1916 – mitten im 1. Weltkrieg – ist zu lesen :“ Der Krieg zwingt, eine bescheidenere und natürlichere Lebensweise wieder anzunehmen, er erleichtert es aber auch. Denn wer das Gebot der Sparsamkeit als das der nächsten Zukunft erkennt, wird es unter den jetztigen Verhältnissen gerne für sich achten, trägt er doch damit zur siegreichen Beendigung des Krieges bei.“ Im weiteren, zwölfseitigen Text des Berichtes geht der unbekannte Autor auf den „englischen Aushungerungsplan“ und auf die „Millionenzahl der in unsere Hände gefallenen Kriegsgefangenen“ ein. Es geht um die Notwendigkeit, bisher nicht in landwirtschaftliche Nutzung genommene Flächen für die Nahrungsmittelproduktion zu aktivieren, dabei aber die biologisch wertvollsten Flächen zu schonen.

Nur aus der damaligen Zeit heraus zu verstehen ist der Absatz, in dem es um eine Verschwendung anlässlich der Fütterung der Vögel sowie um die damals übliche Verteufelung der Sperlinge geht. Das Futter käme in der Hauptsache den Sperlingen zugute. „Hier gegen kämpft der Bund vom ersten Tage seines Bestehens. Gewiss, die Sperlinge sind auch Vögel, aber wir wollen doch Vögel schützen, die durch die Erfordernisse des Menschen in ihren Lebensbedingungen verkürzt werden …

Der Sperling hat als nicht einheimischer, von den Menschen eingeführter Vogel, infolge seines
zänkischen Wesens, und endlich auch vom Nützlichkeitsstandpunkt aus keinen Anspruch auf unseren Schutz.“ Ein Bild eines fliegenden Storches vor einem Geschütz trägt 1916 die Unterschrift : Vogelschutz im Zeichen der Kanone. Es folgen die bekennenden Worte : „Der Vogelschutz muß sich gegenwärtig in erster Linie als Glied der deutschen Volkswirtschaft im Kriege betrachten.“

Kriegs- und notzeitbedingt wurden die jährlichen Berichte erst wieder 1924 fortgeführt. „Unsere Gedanken sind ( nach dem 25. Jubiläum des Bundes für Vogelschutz ) Allgemeingut geworden : Heimatschutz – Naturschutz – Vogelschutz.“ In den folgenden Jahren wird über die erfolgreiche Arbeit bei der Gründung von neuen Vogelschutzgebieten und über die durch den Krieg verwaisten Ortsgruppen berichtet. 

Abschließend möchte der Schreiberling erwähnen, dass in einer Festschrift anlässlich des 75. Geburtstages des Sohnes der Gründerin des Bundes für Vogelschutz, Hermann Hähnle, Herr Dr. Günther A.J.Schmidt, Kiel 1954 einen umfassenden, wissenschaftlichen Beitrag zur „Sperlings-Bekämpfung“ verfasst hat. Schmidt hat auf vielen Exkursionen in seiner begeisternden Art so manchem Mitglied der Vogelschutzgruppe Eutin – Bad Malente und darüber hinaus „die Tür zur Vogelkunde weit aufgestoßen“.

Holger Jürgensen

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen