Durch den Wiederfund beringter Stockenten ist wiederholt nachgewiesen worden, dass das Männchen dem Weibchen in dessen Brutheimat folgt und nicht umgekehrt. Auch sonst scheint häufig das Weibchen den Ton anzugeben, denn beim Schwimmen und Auffliegen folgt meistens das Männchen seiner Partnerin. Merkwürdigerweise finden bei der Stockente schon ab Herbst und im Winter regelmäßig Begattungen zwischen den Paarpartnern statt, also zu einer Zeit, in der die Keimdrüsen noch gar nicht funktionsfähig sind. Vielleicht dient dieses Verhalten der Festigung der Paarbildung, die so stark werden kann, dass der Erpel mitunter über Hunderte von Kilometern auswandert, wenn er sich mit einer Ente aus einem anderen Land „verlobt“ hat.

Im Frühjahr wird es dann ernst : Die Paare sondern sich von den winterlichen Gesellschaften ab und suchen einen Nistplatz. Während des Brütens löst sich dann allmählich der Paarzusammenhalt; die Erpel bilden locker zusammenhaltende „Männerclubs“ und lassen ihre Weibchen mit Eiern und Jungen allein. Während das Weibchen die Jungen führt, die als typische Nestflüchter schon vom ersten Tag an schwimmen können, ziehen sich die Männchen zur Mauser zurück. Mittlerweile ist es Hochsommer geworden, und nach dem Selbstständigwerden der Jungen und der Mauser der Weibchen treffen sich im Herbst die Geschlechter wieder; die „Verlobungszeit“ beginnt von neuem.


Foto ( Jürgensen ) : Starkes Stockentengelege auf der Möweninsel im Sibbersdorfer See

Die monogame Paarbildung der Stockente hält also in der Regel von Herbst bis ins späte Frühjahr. Ob sich nach der Trennung im Frühsommer die alten Partner wieder treffen, ist sehr fraglich. Unter normalen Bedingungen haben sich die Männchen oft schon vor Eintritt ihres Federwechsels von den Brutgebieten abgesetzt, manchmal sogar in weit entfernte Mausergebiete. Sie entlasten dadurch die Aufzuchtgebiete für die Jungen. In Gefangenschaft sind von der Stockente Dauerpaare bekannt, und wahrscheinlich treffen sich auch in den halbwilden Park- und Stadtpopulationen viele ehemalige Partner wieder.

Über 90 vH der heute lebenden Vogelarten dürften schätzungsweise monogam sein, eine Partnerform, die ohne Zweifel die bei Vögeln ja gerne als „vorbildlich“ angesehene Brutpflege der Nesthocker fördert. Aber in allerneuester Zeit hat sich das Bild der monogamen Vogelpaare, das auch die Populationsuntersuchungen der Biologen lange Zeit beherrscht hat, erheblich verändert. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass viele monogame Arten unter besonderen Umweltbedingungen von Monogamie abweichen, aber auch bei monogamen Verhältnissen Seitensprünge häufig, bei einigen genauer untersuchten Vogelarten sogar regelmäßig vorkommen – komplizierte Verhältnisse der Paarbildung, wie sie gerade unter den Vögeln in neuester Zeit in großer Zahl entdeckt wurden.

Stockenten haben vielerorts längst die Scheu vor den Menschen abgelegt. Im Winterhalbjahr kommen auch von draußen viele Enten an die ihnen von Spaziergängern gedeckten Futtertische. Nach landläufiger Meinung hat dieses scheinbare Wohlstandsleben im halbzahmen Zustand der Stockente nicht gut getan, weil es zu einer Verwilderung der Sitten“ führte. Filmaufnahmen aus England zeigen, dass etwa zehn Stockerpel eine Ente jagen, sie auf einer nassen Straße zu Boden zwingen und sie zu Tode vergewaltigen – in der Tat : Die Ente bleibt danach tot liegen …

Ist der Film einer Perversion natürlichen Verhaltens als Folge des „Lotterlebens“ in der Großstadt auf die Spur gekommen ? Dazu mehr in einem weiteren „Vogelkunde“.

Holger Jürgensen