Seitensprünge und Vergewaltigungen bei Stockenten sind keineswegs neue Beobachtungen, die – nach landläufiger Meinung - auf ein „unnatürliches Leben“ im Bereich größerer Städte zurückzuführen sind. Über derartige Auffälligkeiten haben schon vor hundert Jahren Naturbeobachter berichtet. Selbst eine angesehene Zeitschrift schreibt in einer ihrer Tierstories, angeblich gestützt auf neueste Forschungen und professorale Beratung, dass das natürliche Verhalten den Enten durch das „Lotterleben“ in der Großstadt abhanden gekommen sei.

Diese weit verbreitete Zeitschrift lässt ihre Leser wissen, dass „auf den städtischen Gewässern das natürliche Fortpflanzungsverhalten zusammenbreche sowie die sonst fein ritualisierte Balz und die Einehe aller Entenvögel vor die Hunde gehe“. Das Szenario ist nicht nur weidlich übertrieben, sondern in wesentlichen Punkten auch falsch. Raue Sitten im Sexualverhalten der Stockenten sind keine Degenerationserscheinungen des modernen Wohlstandslebens. So wusste bereits der Züricher Naturfoscher und Arzt Conrad Gesner in seinem Vogelbuch, das bereits um 1600 in Frankfurt am Main erschien, zu berichten : „Wann der Enten viel beyeinander sind, so werden sie also hitzig, daß sie das Weiblein, indem einer nach dem anderen auffsitzet ertödten“.


Foto ( Jürgensen ) : Ein Eiserpel – Brutvogel in Nord-Skandinavien und Grönland – balzt vor Boltenhagen ( Ostsee ) im Winter 2012

Manchmal lohnt das Nachschlagen bei alten Autoren, um eine frisch aufgetischte Meldung zumindest etwas zu relativieren. Von Vater und Sohn Naumann, hervorragende Ornithologen ihrer Zeit, erschien 1822 bis 1844 ihre berühmte „Naturgeschichte der Vögel Deutschlands“, in der über das Sexualverhalten der Stockente gut beobachtet berichtet wird. Alfred Edmund Brehm, Sohn des Vogelpastors aus Thüringen, mochte offenbar seinen Lesern nicht ganz so starken Tobak bieten wie die Naumanns und mildert das „unmoralische“ Verhalten der Stockerpel in seinem „Thierleben“ ( 2. Auflage, 1886 ) etwas ab : „Die Paare hängen mit viel Liebe aneinander, obwohl heftige Brunst sie leicht zu Überschreitungen der Grenzen einer geschlossenen Ehe verleitet. Das Weibchen brütet mit Hingabe, alle Sorge und Angst der Mutter läßt den Vater unbekümmert, er verläßt sie, sucht unter Umständen noch ein Liebesverhältnis mit anderen Entenweibchen anzuknüpfen und vereinigt sich mit seinesgleichen zu Gesellschaften, die sich ungezwungen auf verschiedenen Gewässern umhertreiben“.

Oskar Heinroth, der gewissenhafte Naturforscher, ging der Sache in seiner 1911 erschienenen Arbeit auf den Grund : „Schießt man im April einen Stockerpel, so ist man bei der Eröffnung der Bauchhöhle immer wieder erstaunt über die riesige Größe der Hoden, und man versteht sofort die Paarungsgier, mit der sich der Vogel auf jedes Weibchen stürzt, dessen er ansichtig wird; warum er sich aber von der eigenen Frau so lange und manchmal sogar erfolglos zur Begattung nötigen läßt, das ist schon schwerer einzusehen“. Das verstehen wir auch nicht. Denn: Erst kurz vor der Brutzeit produzieren die Keimdrüsen der Vogelmännchen reife Samenzellen. Die Drüsen vergrößern sich auf das 300- bis 500fache ihres Ruhestadiums und beginnen bereits Samenzellen zu bilden, bevor in den Weibchen der Population Eizellen heranreifen. Erst eine gewisse Zeit nach Beendigung der fruchtbaren Periode der Weibchen hört auch die Bildung von Samenzellen auf. So ist in einer Population immer eine gewisse Sicherheit vorhanden, dass auch das Weibchen mit anomal später oder früher Eibildung oder für einen erneuten Brutversuch nach Verlust des ersten Geleges noch Samenzellen zur Verfügung stehen.

Holger Jürgensen