Mit Lautäußerungen will ein Vogel einem Nachbarn der gleichen oder auch einer fremden Art eine Nachricht übermitteln. So trivial könnte man das bald wieder beginnende Morgenkonzert der Vögel beschreiben.

Einige dieser Lautäußerungen können sehr kompliziert aufgebaut sein, was besonders für die Gesänge unserer Gefiederten gilt. Das Hörvermögen unserer Vögel ist von dem unsrigen in mancher Hinsicht verschieden. Es erscheint daher wahrscheinlich, dass sie einem Ruf oder einem Strophen-Gesang weit mehr Informationen entnehmen können, als es uns möglich ist. Dazu kommt, dass die meisten Vögel über mehrere Lautäußerungen verfügen, die auch unterschiedliche Botschaften enthalten können. Als Beispiel möge hier die Dorngrasmücke gelten, ein kleiner, in den Knicks lebender Sperlingsvogel, von dem fünfzehn unterscheidbare Rufe bekannt sind.

Buchfink und Goldammer verfügen zum Beispiel über eine geringe Zahl von Gesangselementen, die sie in der immer gleichen Reihenfolge wiederholen, eventuell variiert durch Gesangstypen, die sie dann im Wechsel vortragen. Diese Vögel besitzen also ein feststehendes Repertoire. Andere Vögel variieren ihren Gesang ständig wie der Schilfrohrsänger, der seinen Gesang aus mindestens fünfzig unterscheidbaren Elementen in beliebiger Reihenfolge ausdauernd dahinplätschern lässt.

Sumpfrohrsänger gehören zu unseren begabtesten Sängern in der Vogelwelt. Ihr harmonisches Repertoire beinhaltet auch die Lautäußerungen anderer Vögel. Bei einigen von Ihnen konnten vierzig bis über einhundert Fremdgesänge festgestellt werden. Viele dieser Gesänge stammen von afrikanischen Vögeln, die also während ihres Winteraufenthaltes erlernt worden sein müssen. Es lohnt sich ganz sicherlich, einem singenden Vogel etwas länger zuzuhören, um eventuell eine gleiche Entdeckung zu machen.

Kappenammer singend

Gesänge und Rufe eines Vogelmännchens verhindern in der Regel das Eindringen eines fremden Gefiederten in sein Territorium – zumindest steht das Bemühen hinter solchen Lautäußerungen. Gleichzeitig lockt damit der Hahn auch ein Weibchen in sein Revier.

Vogellaute, die weniger als eine halbe Sekunde dauern, plötzlich beginnen, abrupt enden und in einem bestimmten Frequenzbereich liegen, können als Warnrufe gedeutet werden. Sie gelten dem Partner, den Jungen oder allgemein den Artgenossen einer Gruppe. Diese Warnrufe können bei Bedrohungen aus der Luft, zum Beispiel durch einen Greif, oder durch einen Bodenfeind wie einer Katze, durchaus unterschiedlich sein. Vögel warnen daher nicht nur allgemein vor einer Gefahr, sondern teilen auch noch die Richtung mit, aus der diese zu erwarten ist.

Man weiß, dass jeder Vogel eine individuelle Stimme besitzt, auch wenn es sich dabei um Unterschiede handelt, die wir in der Regel nicht wahrnehmen können. Die Stimmen der Partner, der jeweiligen Eltern von Jungvögeln und die Stimmen der Jungen selbst sind untereinander gut bekannt; denn selbst im Stimmengewirr einer Brutkolonie von Trottellummen, Dreizehenmöwen, Basstölpeln und anderen wie in den Felswänden auf Helgoland werden sie sicher unterschieden. Hören kann ein Lummenjunges bereits vor dem Schlüpfen, da sobald ein Alarmruf der Altvögel ertönt, es im Ei schlagartig still wird. Für solche Vogelarten ist es lebensnotwendig, dass jung und alt frühzeitig in Stimmkontakt treten und sich in der Vielzahl der Brutvögel zweifelsfrei erkennen können.

Holger Jürgensen