Die in der Regel fliegende Fortbewegungsweise unserer Vögel führte durch die Evolution zwangsläufig zu einer Einsparung ihres Körpergewichtes, was fast zwangsläufig wieder zum Legen von Eiern führte – denn die gesamte Embryonalentwicklung findet bei Vögeln bekanntlich außerhalb des weiblichen Körpers statt. Das setzt dann aber auch eine intensive Brutpflege voraus, die häufig in einem schützenden Nest abläuft.

Eine Vielzahl von Tieren bauen Nester – Insekten, Fische, Amphibien, Reptilien, Säugetiere – aber Vögel sind zweifelsohne die Meister des Nestbaus. Es erscheint doch wie ein Wunder, dass ein kleiner Vogel wie der Zaunkönig imstande ist, ein Bauwerk aus Moos und Wurzelteilen von solcher Vollkommenheit nur mit seinem Schnabel zu errichten!

Da Vögel in reicher Auswahl in fast allen Lebensräumen dieser Erde leben und brüten, hat sich eine entsprechende Vielgestaltigkeit ihrer Nester entwickelt. Auch Vogelarten, die kein Nest bauen, sondern ihre Eier auf den nackten Boden oder in eine Sandmulde legen, nutzen diesen Brutplatz, damit sich die Jungen zumindest bis zum Schlüpfen entwickeln können. Das Bauen von Nestern entspringt einem angeborenen Instinktverhalten und ist artspezifisch in den Erbanlagen verankert – es muss also grundsätzlich nicht erlernt werden. Bei den Fertigkeiten im Nestbau spielt jedoch die individuelle Erfahrung sicher auch eine gewisse Rolle. Sie ist eingegliedert in den Kreislauf der Fortpflanzung, hormongesteuert, und unterliegt einer festen, zeitlichen Ordnung im Ablauf von Balz, Begattung, Nestbau, Eiablage, Brut und Aufzucht des Nachwuchses.

Zaunkoenignest im Schwalbennest

   Foto (Jürgensen): Um es möglichst warm und sicher zu haben, baute das Zaunkönig- Männchen in einem alten Rauchschwalbennest

Für eine erfolgreiche Fortpflanzung erfüllt das Nest eine Reihe von Funktionen, von denen die Wärmeisolierung wohl die wichtigste ist. Für die Entwicklung im Ei und auch nach dem Schlüpfen ist eine möglichst konstante Temperatur von 30 bis 35 Grad Celsius erforderlich. Dies ist besonders bei Brutvögeln der nordischen Breiten oder im Gebirge bedeutsam, zumal hier aufgrund des kurzen Sommers die Bebrütung bereits zum Zeitpunkt der Schneeschmelze beginnen kann. Darüber hinaus bleiben die Eier im Nest in einer zentrierten und damit für die Bebrütung optimalen Lage. Bei Gelegen mit einem größeren Umfang wie bei Gänsen, Enten und Hühnervögeln ist eine erfolgreiche Bebrütung überhaupt erst durch die vorhandene Neststruktur möglich.

Die Schnäbel der in England „Crossbill“ genannten Finkenvögel sind an die frostbedingte Öffnung der Tannen - und Fichtenzapfen angepasst, so dass diese Kreuzschnäbel in der Zeit der Nahrungsschwemme auch sehr früh brüten (müssen) - beginnend im Februar, wenn es in nordischen Wäldern in der Regel noch eisig kalt ist.

Ein Vogelnest bietet nicht nur einen Schutz gegenüber ungünstiger Witterung, sondern auch vor Beutefeinden, auf deren Speisezettel Eier und Jungvögel stehen. Vögel verbergen daher ihre Nester in der vorhandenen Vegetation, wobei vor allen Dingen dem Sichtschutz von oben größte Bedeutung zukommt. Einen wirksamen Schutz vor einem unerwünschten Zugriff bieten vor allem geschlossene Kugelnester mit einem kleinen Einflugloch, das meist nur dem Besitzer einen Durchlass bietet, etwa bei dem Zaunkönig oder der Schwanzmeise; aber Nesträuber wie Elster, Eichhörnchen oder andere Prädatoren gehen oftmals sehr „rücksichtslos“ mit der Nesteinheit um, so dass der Schutz doch relativiert werden muss.

Eine andere Strategie, die Niststätte der Sicht eines potentiellen Nesträubers zu entziehen, ist ihre Tarnung. Besonders bei Bodenbrütern verschmelzen optisch Nistmaterial, Eier, Jungvögel und oft auch der brütende Altvogel mit der Umgebung des Nistplatzes. Beim Verlassen des Nestes während einer Brutpause oder anlässlich einer Störung bedecken Enten, Taucher und Rallen sogar ihr Gelege mit Material aus der unmittelbaren Umgebung.

Holger Jürgensen