An der Vogelwarte Radolfzell hat ihr langjähriger Leiter, der inzwischen emeritierte Professor Peter Berthold, der Vogelzugforschung und ihren Ergebnissen ein neues Gesicht gegeben. Vor allen Dingen hat er mit ca. 5.000 von Hand aufgezogenen Mönchsgrasmücken gearbeitet, was weltweit eine Einzigartigkeit darstellt.

Durch die Beringung von mehr als 100 Tausend Vögeln während seiner Dienstjahre hat Berthold eine einst gewagte These bewiesen, dass eine Änderung im genetischen Karussell der Vögel innerhalb von wenigen Jahren möglich ist. Die durch unsere Freilandornithologie bereits zu beobachtenden Veränderungen im Zugverhalten vieler Vogelarten sind auf Grund des Klimawandels zu verstehen – späterer Wegzug und früherer Heimzug. Berthold ging von der - nunmehr bewiesenen – Annahme aus, dass in den Genen der Vögel einer bestimmten Art unterschiedliche Zugrichtungen gespeichert sind, die durch Vermischung mit anderen Populationen, auf die sie zwangsläufig durch die Klimaveränderung treffen, auch zu ganz anderen Winterzielen führen

Küsteseeschwalben
Foto (Jürgensen): „Brautgeschenk“ unter Küstenseeschwalben an der Nordsee – Streckenrekordlerin unter den Zugvögeln

Man rechnet, dass jährlich 50 Milliarden Vögel witterungs- und nahrungsbedingt zweimal auf eine Wanderung gehen – in das Wintergebiet und später zurück in die Brutheimat. „Weltmeister“ im Streckenrekord ist dabei die Küstenseeschwalbe, die in ihrem 25 Jahre dauernden Leben jährlich 40.000 Kilometer aus Skandinavien bis zum Südpol und die gleiche Entfernung zurück fliegt – insgesamt also 1 Millionen Kilometer, was etwa 3 x zum Mond bedeuten würde. Goldregenpfeifer haben für eine Zugstrecke 15.000 Kilometer zurückzulegen, die Rauchschwalbe und unser Weißstorch 10.000, der Kuckuck 9.500, der Kiebitz 3.000 und der Star 1.400 Kilometer.

Eine amerikanische Pfuhlschnepfe kann im Dauerflug von 48 Stunden ihr Winterziel erreichen. Da fragt sich jeder Ernährungswissenschaftler, wie das wohl gehen soll. Berthold hat herausgefunden, dass nachdem die vor dem Flug angefressenen Fettreserven verbraucht sind, sogar die lebenswichtigen Organe wie der Magen oder sogar das Herz angegriffen, dabei um bis zu 20% reduziert und als zusätzliche Energielieferanten gebraucht werden. Das führt dazu, dass z. B. ein normalgewichtiger Schilfrohrsänger mit 23 Gramm bis auf 9 Gramm abmagern kann, ohne dabei eine letale Grenze zu überschreiten. Nach zwei Tagen Ruhe ist so ein kleiner Magen wieder in der Lage, Nahrung zu verwerten, um sein Ausgangsgewicht zurück zu erlangen.

Für die Orientierung der Zugvögel, sagt Berthold, ist primär der eingebaute Magnetkompass zuständig, in zweiter Linie der Sonnenstand oder – für die vielen Nachtzieher wichtig – der Sternenhimmel. Der Zug in günstige Aufenthaltsregionen und zurück in die Brutgebiete bleibt dennoch für viele Vögel ein lebensgefährliches Unternehmen. Man geht davon aus, dass oft 1/3 der Vogelschar diese Reise nicht überlebt – wegen Entkräftung auf Grund von Gegenwinden, Nebel, Kälteeinbrüchen, Wassermangel und durch Menschen verursachte Probleme wie die Jagd, Vogelfang durch Netze sowie Leimruten oder Vermüllung der Landschaft, aber auch durch direkte natürliche Gründe wie anlässlich der Überquerung des Mittelmeeres durch den Beutegriff des in den felsigen Küsten der Levante brütenden Eleonorenfalken, der erst im Spätsommer seine Jungen aufzieht und diese mit durchziehenden Singvögeln atzt.

Neben vielen Ehrenpreisen und Ehrenmitgliedschaften wurde Prof. Dr. Peter Berthold 2012 für seine Grundlagenforschung der Verdienstorden des Landes Baden- Württemberg verliehen.

Holger Jürgensen