Die großen Silber- und die etwas seltener auftretenden Mantelmöwen in unseren Häfen und an der Küste benötigen nach ihrer Geburt vier Jahre, um geschlechtsreif zu werden und damit ihr endgültiges Prachtkleid zu tragen. Der Übergang in dieses Brutkleid aus mehr oder weniger schlicht braun gefärbten Federn des Jungvogels in das endgültige silberne, weiße und schwarz abgesetzte des Altvogels führt manchmal zu abenteuerlichen Artbestimmungen. Oft ist dann von Raubmöwen die Rede.

Eine Beobachtung von Raubmöwen an unseren Küsten ist zunächst einmal relativ selten, was aus ihrem strengen Hochseeleben zu verstehen ist. Bei einer Überfahrt von Büsum nach Helgoland im Spätsommer wird die Sichtung einer Skua dem mitfahrenden Ornithologen Freude bereiten. Auch der Aufenthalt auf Sylt wird ihm im Herbst bei entsprechenden Weststürmen die Beobachtung der kleineren Raubmöwen ermöglichen – Spatel-, Schmarotzer- und Falkenraubmöwen, - „Jaeger“, wie sie oft im angelsächsischen Sprachgebiet genannt werden.

Die Skua ist ein recht großer und schwerfälliger, bräunlicher Vogel, der breite Flügel mit weißen Flügelflecken besitzt – einer großen Möwe im Jugendkleid nicht unähnlich. Diese Raubmöwe kann man auch als Schiffsfolger beobachten, wenn sie nach der Entdeckung eines Schiffes oft stundenlang achtern darauf wartet, dass andere Meeresvögel Nahrung gefunden haben, die sie ihnen dann abjagen kann, oder sie geht aufs Wasser nieder, um die Abfälle aus der Kombüse des Schiffes gierig aufzunehmen.

Schmarotzerraubmöwe mit beginnender MauserFoto: Knut Pfeifer, Hamburg: Schmarotzerraubmöwe mit beginnender Mauser einer Handschwinge

Die kleinen Raubmöwen ähneln in ihrem Erscheinungsbild eher einem Falken. Diese verfügen auch wie die genannten Greife über spitz zulaufende Flügel, die sie für ihren kräftigen und rasanten Flug nutzen – eindrucksvoll sind ihre akrobatischen Flugmanöver.

Raubmöwen werden häufig an Schiffsrouten beobachtet, denn außerhalb der Brutzeit bleiben sie größtenteils auf See und unternehmen weite Wanderungen über die Ozeane. Sie sind dreiste, raubgierige Seevögel, die ihren Stand als Räuber deutlich machen durch die scharfe, hakenförmige Spitze des Oberschnabels und durch ihre Gewohnheit, andere Seevögel solange hartnäckig zu verfolgen, um diese so zu zwingen, ihre Beute aus dem Kropf oder Magen auszuspeien. Die herausgewürgte Nahrung wird dann im Fluge aufgefangen. Dieses Verhalten wird mit dem Ausdruck „Kleptoparasitismus“ beschrieben, und wenn Möwen oder Seeschwalben einer Raubmöwe ansichtig werden, fliegen sie in der Regel auf und fliehen.

 

Raubmöwen nisten an den Küsten Schottlands, Islands und Skandinaviens, sogar auf landfernen Inseln, in der Tundra, im Moor oder auf Berghängen, wo sie sich vorrangig von Lemmingen, aber auch von anderen kleinen Nagetieren, Vogeleiern und Vogelküken, Insekten und Beeren ernähren – nutzen also eine ganz andere Nahrungszusammensetzung als später als Altvogel. Sie nisten oft gesellig, doch liegen die Nester weit auseinander. Diese befinden sich in flachen Mulden, sogar an ungeschützter Stelle auf dem Boden, von wo die Tiere aber über einen guten Überblick verfügen. In der Regel finden sich zwei Eier in der fehlenden Nestunterlage, in guter Tarnung - sie sind dunkel-oliv, grünlich oder gelb-bräunlich gefärbt und in der vorhandenen Vegetation gut getarnt nicht zu erkennen.

 

Trotz der exzellenten Bestimmungsbücher für Vögel sollte man eine ausreichende Übung als Feldornithologe in Sachen Raubmöwen besitzen, da es bei diesen Vögeln Farbabweichungen nicht nur zwischen den jungen und alten Exemplaren gibt, sondern auch helle und dunkle Federkleider der gleichen Vogelart, die man „Morphen“ nennt.

 

Holger Jürgensen

 
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