Unter unseren mitteleuropäischen Vögeln gibt es nur wenige Arten, bei denen sich ein Männchen mit mehr als einem Weibchen paart. Treffende Beispiele sind der Fasanenhahn, der sich einen Harem von bis zu einem halben Dutzend Hennen hält, und natürlich unser Haushahn. In beiden Fällen nistet jede Henne nach der Begattung für sich alleine.

Zaunkönige nehmen ein oder auch mehrere Weibchen. In Gegenden mit einem reichlichen Nahrungsangebot, etwa an einem Waldrand, neigen die Winzlinge zur Vielehe und in kargen Biotopen eher zur Einehe. Auch bei so unterschiedlichen Vögeln wie beim Trauerschnäpper, bei der Rohrdommel und der Grauammer hat ein Männchen oft mehrere Weibchen. Andererseits hat man durch neueste Forschungsergebnisse festgestellt, dass auch Weibchen sich mit mehr als einem Männchen paaren können, was bis vor kurzem nur im asiatischen Raum beim Wasserfasan bekannt war.

Unter den im europäischen Raum brütenden Arten zählen nur das Auerhuhn, das Birkhuhn und der Kampfläufer zu den Vögeln, die überhaupt keine Ehe oder feste Bindung eingehen; sie treffen sich nur zur Begattung, wobei sich jeder Vogel gewöhnlich mit mehr als einem Angehörigen des anderen Geschlechts vereinigt.

KampflaeuferFoto (H. Scheel): Kampfläufer-Weibchen im schlichten Outfit

Vielehe und Ehelosigkeit funktionieren nur dann, wenn die Jungen von einem Elternteil alleine aufgezogen werden können. Im großen und ganzen trifft das bei solchen Vogelgruppen zu, die schon bei der Geburt über ein dichtes Dunenkleid verfügen und bald nach dem Schlüpfen laufen und sich selbst mit Nahrung versorgen können. Lebt ein Vogel ehelos, deren Junge hilflos schlüpfen, gibt es in der Regel Nahrung im Überfluss – Insekten, Körner, Früchte und grüne Pflanzen. Im umgekehrten Fall, wenn eine solche Nahrung nicht leicht erreichbar wäre, würde die Gesamtpopulation dieser Vogelart leiden, wie wir es zur Zeit beim Rebhuhn und anderen Wiesenvögeln erleben.

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist bei den meisten unserer Vögel die Familie in der Regel eine vorübergehende Einheit, die nur so lange besteht, wie die Jungen noch nicht selbst für sich sorgen können. Bei Mauerseglern gibt es überhaupt kein Familienleben mehr, sobald der Nachwuchs fliegen kann. Junge Waldkäuze hingegen sind noch bis zu drei Monaten nach dem Flüggewerden hinsichtlich der Nahrung ganz von ihren Eltern abhängig.

Kampflaeufer Kampflaeufer
Foto (H. Scheel): Kampfläufer-Männchen mit individuell gefärbter Halskrause

Bei einigen Vogelarten bleibt die Familie, nachdem die Jungen für sich selbst sorgen können, noch die meiste oder die ganze Zeit bis zur nächsten Brutsaison zusammen. Dies trifft etwa bei Schwanzmeisen und auch bei Gänsen sowie Schwänen zu. Familien von Höckerschwänen kann man bei uns den ganzen Winter hindurch auf den Seen beobachten. Noch eindrucksvoller ist, dass Zwergschwäne in Familiengruppen aus ihrer sibirischen Brutheimat nach Schleswig-Holstein ziehen, wo sie alle den ganzen Winter zusammenbleiben.

Zahlreiche Vögel gehen zumindest für einen Teil des Jahres gemeinsam auf Futtersuche – denken wir an die Schwärme der Ringeltauben, der Stieglitze, der Drossel-Arten und der Sperlinge. Andere wieder, wie Stare und Saatkrähen, gehen das ganze Jahr über gemeinsam auf Futtersuche.

Die Winterscharen unserer Vögel – Gäste aus dem Norden oder Jahresvögel – können aus einer einzigen Art bestehen oder auch gemischt sein. Beispiele hierfür sind die Saatkrähen, die oft zusammen mit Dohlen auf Nahrungssuche gehen. An unseren Küsten stehen oft Kiebitze, Stare und Goldregenpfeifer zusammen, zumindest am gemeinsamen Schlaf- und Rastplatz; auch fliegen sie bei Gefahr gerne gemeinsam auf, wie an der Nordsee bei den zu Tausenden versammelten Limikolen beobachtet werden kann – bestehend aus Watvögeln wie Pfuhlschnepfen, Knutts und Alpenstrandläufern, die komplizierte Flugmanöver ausführen. Und in winterlichen Meisentrupps trifft man häufig nicht nur Meisen an, sondern auch Kleiber, Baumläufer und Wintergoldhähnchen.

Schwarmbildung macht einen Sinn, da sie dem Individuum mehr Sicherheit gibt, gerade dann, wenn es an offenen, frei zugänglichen Stellen nach Nahrung suchen muss. Der Warnruf der eigenen Art wird genauso verstanden wie der der fremden Vögel. Viele Augen im Schwarm finden aber auch leichter lohnende Nahrungsquellen, und so trifft man sich zu Futtergemeinschaften. Sie sind aber nicht einfach unorganisierte Ansammlungen von Vögeln, sondern werden durch ein waches, geselliges Verhalten zu einem Ganzen zusammengeschlossen

Text: Holger Jürgensen   Fotos: Heinrich Scheel