Er ist ein Kulturfolger per excellence - und genau das macht ihm nun den Garaus : Dem Ortolan, auch Gartenammer genannt. Er liebt die von Menschen geprägten, offenen Gebiete wie trocken-warme Äcker, Heidelandschaften im Süden Schleswig-Holsteins, die Weinberge  Deutschlands und dortige Obstgärten. Sein faszinierender Gesang gehörte früher zum typischen Klangbild solcher Kulturlandschaften. Er soll Ludwig van Beethoven zum Auftakt seiner 5. Symphonie inspiriert haben..............

Der sperlingsgroße Vogel hat eine ausgesprochene Bindung an die traditionelle, extensive Landwirtschaft. Und diese verschwindet in maschinengerechten Landschaften, die dem Vogel die Lebensgrundlage wie Nahrung rauben und weniger Schutz für sein Nest bieten. Zudem braucht der Ortolan eine "Singwarte", z.B. einen Baum, von dem aus er seine Balzgesänge in die Flur trällern kann.

Dummerweise schätzen auch Feinschmecker den Ortolan, besonders französische Gourmets. Obwohl offiziell geschützt, werden Ortolane auf ihrem Zuge nach Afrika zu Tausenden in Fallen gelockt und anschließend "gemässtet" - als "ortolanus engraisses" ( Fettammern ) röstet man sie dann, in Armagnac-getränkten Speck eingewickelt.


Bild : Männchen des Ortolans

Wir wissen über den Ortolan und die genauen Ursachen seines Verschwindens noch zu wenig. Mysteriös ist beispielsweise auch sein Leben in Afrika während seines dortigen Winteraufenthaltes. Die spärlichen Forschungsergebnisse zeigen nur, dass der kleine Vogel über riesige Strecken zieht, hauptsächlich in die Staaten südlich der Sahara.

Bekannt ist allerdings, was Ortolane anzieht : Singende Artgenossen, Hafer und freie Flächen. All dies nutzen nun die französischen Wilderer erfolgreich aus. Als Lockvogel dient ein besonders singtüchtiges Ortolanmännchen, sein Käfig steht erhöht auf einem Pflock, und rundherum liegen auf einer freigeräumten Fläche Dutzende von Fallen aus dünnem Drahtgeflecht, in denen Hafer als Köder lockt. Das fett- und eiweißreiche Getreide - übrigens ein idealer Treibstoff für den Langstreckenzieher - wird von den auf Mast gefangener Ortolane spezialisierten Wilderern missbraucht, in dem die Vögel in niedrigen Käfigen und im Halbdunkeln bei Wasser und Getreide gehalten werden - die Gefangenen fressen sich grotest fett.

Was die einen Europäer vertilgen, versuchen andere mit hohem Aufwand zu schützen. So läuft zum Beispiel in der Schweiz ein dreijähriges Artenschutzprogramm für den Ortolan, das im Jahre 2010 angelaufen ist. Als Futterfläche dienen in der Rhone-Ebene Haferfelder, verbuschte Zonen werden ausgelichtet, und Ziegen halten die dortige Felsensteppe frei von hoher Vegetation. Und wenn das nicht hilft, werden Bereiche gezielt abgefackelt, um eine zu dichte Pflanzenwelt zu verhindern. Die "Feuerökologen" sind sich sicher, dass in den folgenden Jahren Waldbrände dieser Art attraktive Lebensräume für den Ortolan entstehen lassen. Deshalb hat wohl ihre Population im dürren, nordost-spanischen Katalonien als einzige Region in Europa zugenommen.

Auch in Deutschland bemüht man sich um die rasch schwindenden Bestände. Man rechnet mit noch etwa 12.000 Brutpaaren. In den meisten Bundesländern sind sie bereits erloschen, aber in der südöstlichsten "Ecke" Schleswig-Holsteins kann man Ortolan-Männchen noch auf den offenen und offenbar auch landwirtschaftlich extensiv genutzten Geestflächen verhören. Vogelkundler bezeichnen den Ortolan als Leitart, die stellvertretend für viele andere Ackervögel wie Rebhuhn und Feldlerche steht.

Man stellt sich die Frage, warum so viele Anstrengungen beim Schutz dieser Leitart verpuffen. In den Focus rückt bei der Suche nach einer Antwort die massiv verstärkte Nutzung nachwachsender Rohstoffe. Man kann den Landwirten nicht verdenken, dass sie die mit nationalen Anreizen und mit EU-Geldern angeheizte, lukrative Chance nutzen wollen. Subventionen müssten aber zugunsten des Artenschutzes neu ausgerichtet und eventuell sogar aufgestockt werden.

Die französische "Liga für Vogelschutz" klagt seit Jahren darüber, dass die Behörden über 1200 Wilderer dulden, die jährlich in Frankreich etwa 30 - 50 000 Ortolane fangen. Das sei ein Millionengeschäft, behauptet der genannte Verband, da eine Fettammer - unvorstellbar - zwischen 100 bis 150 Euro koste. Dabei hatte im Jahr der Biodiversität das französische Umweltministerium " Null Toleranz" im Umgang mit den Wilderern versprochen ..................

Aber auch in Schleswig-Holstein leisten wir uns über die Jagd in Einzelfällen einen kontraproduktiven Artenschutz, wenn in 2009 noch 230 der nun wirlich selten gewordenen Rebhühner oder gar 4.000 Waldschnepfen, die größtenteils durchziehende Vögel sind, gestreckt worden sind !
                                                                                                                                                                                                                                              Holger Jürgensen