In dem von unserer Landesregierung herausgegebenem Jahresbericht 2010 "Jagd und Artenschutz" sind es 234 Nilgänse, die 2009 von der Jägerschaft geschossen wurden. Sie tragen mit dieser Zahl vergleichsweise zum gesamten Streckenbericht der Wildgänse von gut 14.000 Tieren nur gering bei; Hauptjagdziel waren die Graugänse mit 11.544 Stück, gefolgt von Blässgänsen ( 407 ), Saatgänsen ( 132 ), Kanadagänsen ( 841 ) und Nonnen- oder Weißwangengänsen ( 846 ).

Foto ( Jürgensen ) : Die farbenfreudige Nilgans - eine Bereicherung unserer Avifauna


Die Nilgänse werden von Biologen als sogenannte Neozoen geführt; das sind Tiere, die von uns Menschen in historischer Zeit - definitionsgemäß nach dem Jahr 1500 und der Entdeckung Amerikas - in ein Gebiet bewusst oder unbewusst eingebracht wurden und nunmehr hier heimisch geworden sind. "Wetlands International" ist die internationale Koordinationsstelle der weltweiten Wasservogelzählung. Sie schätzt den Weltbestand der Nilgans, die ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet in Afrika und vor allem südlich der Sahara hat, auf 200.000 bis 500.000 Vögel. Durch ihre erfolgreiche Ansiedlung in Deutschland ist ihr Bestand mittlerweile auf 2.000 Brutpaare angestiegen. Hauptsächlich hat sie ihren Schwerpunkt in den westlichen Bundesländern gewählt, wozu auch Schleswig-Holstein zählt. Die letzten, vereinzelten Meldungen hiesiger Bruten und Vorkommen stammen aus dem Brutvogelatlas unseres Heimatlandes und aus dem Jahr 1998; inzwischen hat sich diese Wasservogelart deutlich ausgebreitet, wie der Streckenbericht nachweist.

Übrigens : Die Organisation "Wetlands International" wurde 1995 - ein Vorgänger bereits 1954 - gegründet. Ihr gehören 34 nationale Regierungen und 11 nicht regierungsgebundene Organisationen an, die in 16 weltweiten Büros mit 150 Mitarbeitern arbeiten. Der Hauptsitz befindet sich im niederländischen Wageningen.

Auch auf der Möweninsel im Sibbersdorfer See bei Eutin fand sich im Jahre 2010 ein Paar Nilgänse zur Brut ein. Offenbar ist durch Konkurrenzstreitigkeit nur ein Junges groß geworden, das aus einem Gemeinschaftsgelege eines Grau- und eines Nilganspaares hervorgegangen war. Dafür war ein Paar in diesem Jahr ( 2011 ) mit neun bis zehn Pulli erfolgreich.

Die Rufe des Nilganspaares sind unterschiedlich : Der Ganter ruft heiser zischend, die Gans tief, aber schrill "ang-hää-hää" - so steht es im Bestimmungsbuch;  -  ob der Ratsuchende mit diesen Angaben etwas anfangen kann ?

Nilgänse gehören - ebenfalls wie Brand- und Rostgans - zu den "Halbgänsen", die in der Familie der Entenvögel auf Grund von neuen, molekularen Genuntersuchungen nicht mit der Unterfamilie der Schwäne und Gänse verwandt sind. Äußere Merkmale in Aussehen und im Verhalten reichen jedenfalls nicht aus, um sie zwischen Enten und Gänse zu stellen. Da sie größer als unsere Enten sind, spricht nichts dagegen, an ihren Namen die Endung "-gans" zu hängen, zumal sie sich auch durch gemeinsame Jungenaufzucht der Partner von den Enten unterscheiden, bei denen das Weibchen die "Last der Familie" zu tragen hat, während der Erpel sich in Männergesellschaften bis zum Herbst zurückzieht.

Wie mehrfach der Fachpresse zu entnehmen ist, nutzen Nilgänse zum Teil spektakuläre Neststandorte, und sie bevorzugen Baggerseen als Aufzuchträume für ihre Jungen. Die Vögel nisten aber auch in Gebäuden, in Baum- und Erdhöhlen sowie in künstlichen Nisthöhlen, wie auf der erwähnten Möweninsel versteckt am Boden. Oft findet man sie auch hoch auf Bäumen in den Nestern anderer Vogelarten, und stets ist bei ihnen mit Sonderfällen zu rechnen. Ihre Brutplätze ähneln oft denen in ihrer ursprünglichen Heimat, den Steppen und Halbwüsten Afrikas und Zentralasiens.

Um die abschließende Frage, ob der Neubürger Nilgans für heimische Arten gefährlich werden kann, muss das Aggressionsverhalten der Gänse systematisch beobachtet und ausgewertet werden. Im Rahmen einer Diplomarbeit sind am Niederrhein Nilgänse eingehend untersucht worden. Eine nachhaltige Beeinträchtigung für andere Wasservögel ergab sich daraus nicht.

Holger Jürgensen