Inzwischen zählt man rund 150 unterschiedliche Rassen des Haushuhns, und alle sind auf die gleiche Stammart, das rote Bankivahuhn, zurückzuverfolgen, das noch immer wild in Teilen Südasiens vorkommen soll.

Aus diesem im Unterholz und im Dschungel lebenden Vogel ist durch die Domestizierung die zahlreichste Vogelart geworden – denn man kann mit zwei Milliarden Haushühnern davon ausgehen, dass es keine umfangreichere Vogelart auf unserer Erde gibt.  

In Europa haben sich zwei vorherrschende Hühnersorten entwickelt. Aus den Mittelmeerländern kamen die Vorfahren der Rassen Leghorn, dem schwarzen Minorka und die rebhuhnfarbigen Italiener. Sie alle legen zahlreiche, weiße Eier, gehen jedoch nur sehr zögernd zum Brüten über. Den eher kalten und feuchteren Ländern Nordeuropas entstammen größere sowie gleichzeitig friedfertigere Hühnersorten, die hellbraune oder cremefarbene Eier legen. Daraus wurden die schwereren Rassen wie die roten Rhodeländer, die rotbunten und gelben Sussex sowie die weißen Wyandotten gezüchtet. Von vielen Rassen gibt es auch Zwergformen, die relativ große Eier legen, aber oft nur wie der Silber-Sebright als Ziergeflügel gehalten werden.

Foto (Jürgensen): Domestizierter Hahn in Osterhever

Foto ( Jürgensen ): Domestizierter Hahn in Osterhever im Sommer 2012

Einer der großen, essbaren Vögel, das Truthuhn, gewinnt immer mehr an Bedeutung, nachdem nun die Züchter lernten, wie man seine Jugendkrankheiten überwindet, wie man mehr und billigere Vögel produziert und wie man sie kleiner züchtet. Doch trotz dieser Fortschritte hat das Truthuhn von heute noch immer eine große Ähnlichkeit mit der amerikanischen Wildform, aus der die gezüchtete Form entstand, die von den Spaniern um 1530 nach Europa gebracht wurde. Sie verdrängte sehr schnell den Pfau und den Höckerschwan – und in England dann auch die Gans – als Speisevogel.

Außer der Höckergans, die auf die Schwanengans Nordostasiens zurückgeht, stammen die rund 30 Rassen der Hausgans von der Graugans ab. Einst waren Enten auf jedem Bauernhof und fast auf jedem Dorfteich zu finden. Die Hofente ist unter den gezähmten Vögeln Mitteleuropas die einzige, deren wild lebende Vorfahre, die allseits bekannte Stockente, im ganzen Land zahlreich verbreitet ist. Ein weiterer Vogel, der sich im Verlauf der Domestikation nur wenig verändert hat, ist das Perlhuhn, das bereits im 4. Jahrhundert vor Christo in Griechenland gezüchtet, aber erst im Mittelalter von den Portugiesen aus Westafrika wieder eingeführt wurde. Ihre Eier und ihr Fleisch gelten als Delikatesse; ihr aufgeregtes Rufen bei Erscheinen eines Fremden im Geflügelhof ersetzt jeden wachsamen Hofhund. Die Wachtel wird von Gourmets hauptsächlich ihrer Eier wegen gepriesen, und ihre japanische Unterart wird nunmehr in steigenden Zahlen von den Liebhabern in Volieren gehalten.

Die Haustaube, die sich aus der Felsentaube entwickelte und wahrscheinlich der erste domestizierte Vogel war, wird heutzutage nicht mehr in dem Umfang als Nahrung verwendet wie im Mittelalter oder in den letzten Kriegs- und Notzeiten. Sie wird bekanntlich als Brieftaube in Wettbewerben zur Wiederheimfindung geschätzt.

Holger Jürgensen