Er stammt ursprünglich aus den südosteuropäischen Steppengebieten und hat es verstanden, sich über die gesamte Welt zu verbreiten – immer als Kulturfolger auf der Spur des Menschen. Es ist vom Sperling oder Spatz die Rede und in erster Linie vom Haussperling. Es gibt in unseren Breiten noch einen Verwandten, den Feldsperling, und in Europa den Weiden- sowie den Italiensperling und in den Mittelmeerstaaten ihre örtlichen Hybriden. Und um es gleich an den Anfang zu stellen: Die Redewendung „er schimpft wie ein Rohrspatz“ hat keinen Bezug auf unsere Spatzen, und auch Google irrt, wenn dort die Rohrammer als Namensgeber genannt wird, da der laute Gesang des Drosselrohrsängers gemeint ist !

 
Foto (Jürgensen): Quirlige Spatzenschar am Brandenburger Tor in Berlin

Die weltweite Eroberung des Haussperlings fand zunächst 1850  mit seinem Auftauchen in den USA seinen Höhepunkt, gefolgt 1863 in Australien und 1902 in Südafrika.

Der dreißig Gramm leichte Vogel zeigt eine extreme Anpassungsfähigkeit, um in unserer urbanen Welt einigermaßen zurecht zu kommen. Seine Wachsamkeit hilft ihm zu jeder Zeit fluchtbereit zu sein; nur dieses Verhalten allein nützt ihm heute nichts mehr, denn es wurde festgestellt, dass in den letzten dreißig Jahren die Spatzenzahl bei uns um die Hälfte abgenommen hat – als Grund sieht man die allgemeine Aufgabe der Kleintierhaltung sowie das Verschwinden der Pferdefuhrwerke und damit der mit Hafer besetzten Hinterlassenschaften. Unsere Kunstwelt mit den steinernen Innenstädten und dem daraus resultierenden Brutplatzmangel sowie die dramatische Abnahme der Insektenwelt sind weitere Ursachen seinen Rückzug.

Im allgemeinen nimmt man an, dass größere Eingriffe des Menschen in die Natur erst unserem technischen Zeitalter vorbehalten waren, dem 19. Jahhundert mit seiner ungeheuren Verkehrsentwicklung und Siedlungsausweitung sowie dem 20. Jahrhundert mit seinem immensen Energiebedarf. Es soll aber nicht vergessen werden, dass vergangene Jahrhunderte - von früheren Kulturen ganz abgesehen – auch verschiedene Maßnahmen größere Veränderungen in der Natur bewirkten. Hierzu zählt auch die Schädlingsbekämpfung und insbesondere die gezielte Vernichtung in den vergangenen Jahrzehnten und -hunderten der gefiederten Schädlinge, der Sperlinge.

Sperlinge sind seit jeher anlässlich der Vogeljagden mit erbeutet worden, waren aber wohl kein besonderer Leckerbissen, wurden jedoch bei der früheren Nahrungsknappheit auch verspeist. Barocke Kochbücher geben Aufschluss, wie man größere Mengen verschiedener Vogelarten ausnimmt, abkocht und einsalzt. Alte Chroniken geben Auskunft, dass sogenannte Vogelsteller zwischen 1700 und 1850 gezielt auf Spatzen jagten. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts setzte aber dann geradezu ein Vernichtungsfeldzug gegen die Sperlinge ein, der von Preußen seinen Ausgang nahm. Dieser hatte nicht kulinarische, sondern landwirtschaftliche Gründe – man wollte einen Getreideschädling bekämpfen. Durch ein Edikt König Friedrich von Preußen vom 22. Juni 1744, das angeblich nicht mehr im Wortlaut vorhanden und bekannt ist, wurde in allen Teilen Preußens eine planmäßige Sperlingsbekämpfung eingeleitet. Den verschiedenen Gebieten wurde ein bestimmtes „Soll“ an abzuliefernden Sperlingsköpfen und dazu mit dem 20. Mai ein fester Termin auferlegt. Bei Nichterfüllung des „Solls“ wurden empfindliche Strafen ausgesetzt, deren Erlös übrigens sozialen Zwecken – den örtlichen Armenkassen - zugeführt wurden. Nach Abschluss der Aktion wurden die Köpfe unter behördlicher Aufsicht verbrannt.

Maria Theresia, die in den österreichischen Verwaltungsreformen bekanntlich oft Anregungen ihres großen Gegenspielers Friedrich von Preußen kopierte, übernahm die Anregung des Feldzuges gegen die Spatzen – auch diese kaiserliche Anregung selbst ist nicht erhalten geblieben. Es hieß dort aber, dass jeder Bauer jährlich eine gewisse Zahl von Spatzen fangen und wenigstens fünf Köpfe noch vor Beginn der Frühjahres – um die Brut und Vermehrung zu verhindern – der Obrigkeit zu überbringen habe. Wenn jemand mehr Köpfe ablieferte als vorgeschrieben, wurde ihm diese Zahl für das kommende Jahr gutgeschrieben …..............

Noch in den 1950er Jahren existierte ein „Merkblatt zur Sperlingsbekämpfung“ des Pflanzenschutzamtes Kassel-Karleshausen ( und sicher auch in weiteren Behörden ). Eine neugierige Anfrage dort ergab – man höre und staune : Eine Spatzenbekämpfung sei tatsächlich noch bis 1970 gelaufen. Damals habe es noch sehr viel Kleinvieh in den hessischen Dörfern gegeben, und die Spatzen hätten das gelagerte Futter verunreinigt ( Salmonellengefahr ? Behördenträgheit ? ).

Das Argument „Nahrungskonkurrenz“ ist d.U. noch geläufig und aus damaliger Sicht verständlich. Wie sah es denn in den 1950er Jahren bei uns aus ? Nachdem die Getreidegarben in der Scheune waren, wurde das Feld mit einer einspännigen „Hungerharke“ abgeharkt. Erst wenn auch dieses „Gehärkel“ eingefahren war, wurde das Feld den Dorfbewohnern zum Ährenlesen freigegeben. Mancher Sack voll Ähren wurde zu Hause „gedroschen“ und zu Mehl verarbeitet. Dies war der Hintergrund der Spatzenbekämpfung und das damalige Nützling-Schädling-Denken. Unsere Sperlinge haben sich auf dem Lande zum Teil in die offenen Rinderställe zurückgezogen, wo sie an der Maisvorlage partizipieren. Der heutige, verantwortungsvolle Umgang mit unseren verbliebenen Sperlingen heißt : Ganzjahresfütterung und Bereitstellung von Nistmöglichkeiten!

  Text und Foto: Holger Jürgensen