Sie führt, zusammen mit Änderungen in der Nahrungsversorgung, zur Produktion von Hormonen, die auf die Aktivität der Vögel eine tiefgreifende Wirkung ausüben. Bei zahlreichen Vogelarten entwickeln sich besondere Schmuckfedern und Farbmuster sowie Zierat wie Kämme und Kehllappen, die ihren Posen Nachdruck verleihen – wir befinden uns im Frühjahr, der Zeit der Vogelbalz und Werbung um einen Partner. Das Rotkehlchen hat seine rostrote Brust, der Eichelhäher seinen blauschwarzen Flügelspiegel und die Kohlmeise eine schwarz-weiß-gelbe Kopf- und Brustpartie prächtiger ausgefärbt als im sogenannten Ruhekleid. Nur in der Balz tragen Graureiher Federbüschel auf dem Kopf, und Haubentaucher zeigen ihren auffallenden Kopfschmuck.

Während dieser Zeit leben Vögel in einer seltsamen, bunten Welt – der Welt des Rituals, in der Gesang, Gefieder und stereotype Handlungen eine wesentliche Rolle spielen. Diese drei Elemente sind die Sprache der Paarbildung, und ein Vogel, der von ihnen Gebrauch macht, kann eine ganze Reihe von Nachrichten übermitteln – Gründung eines Reviers, Nistplatz- und Partnersuche sowie Bereitschaft zur Begattung.

Die auffallenden Posen der Männchen imponieren in der Regel nur Weibchen der gleichen Art. Das verringert die Möglichkeit einer Kreuzung mit einer anderen Vogelart und damit auch die Gefahr der Erzeugung unbefruchteter Eier oder unfruchtbarer Bastarde, wie es dennoch zwischen Grau- und Kanadagänsen möglich ist.

Sogar der für unser Auge weitgehend eintönig gefärbte männliche Haussperling ist während der Brutzeit kontrastreicher gezeichnet – schwarzer Schnabel und Kehlfleck, hellere Wangen, kräftigere Färbung an den Oberkopfseiten. Der Schnabel des Papageitauchers weist während der gesamten Nistzeit leuchtende Rot-, Gelb- und Blautöne auf. Die meisten Erpel unserer Entenarten besitzen fast das ganze Jahr ein prächtig gefärbtes Federkleid, während ihre unauffälligen Weibchen in schlichten Braun- und Grautönen umherlaufen, oft mit der Schwierigkeit für Vogelfreunde, ihre Art überhaupt richtig bestimmen zu können. Das farbenfreudige Gefieder des Erpels entsteht im Spätsommer zur „Verlobungszeit“ der Paare und hält sich den ganzen Winter bis zum darauffolgenden Sommer. Danach mausert der Erpel und bekommt das schlichte Kleid eines Weibchens.

Bei zahlreichen Arten, deren Geschlechter gleiches Gefieder tragen, sind die Vögel im Anfangsstadium der Werbung auch gegeneinander aggressiv. Das Männchen entdeckt das Geschlecht des Vogels, vor dem er balzt, erst an seiner Reaktion. Bleibt „sie“ aggressiv, dann ist ihm klar, dass auch der andere Vogel ein Männchen ist.

Große Vögel, deren Partner die gleiche Gefiederfarbe tragen, führen ihre Balzzeremonien in der Regel gemeinsam aus. Oft spielen sie gleichzeitig die gleichgeartete Rolle wie etwa der Weißstorch bei der Begrüßungs- und Brutablösezeremonie.

Der Haubentaucher vollzieht einen komplizierten Balztanz, an dem beide, äußerlich kaum unterscheidbare Partner, teilnehmen. Bei dem mit den Köpfen und ihren Farben ausgeführten Balzgehabe der Lachmöwen sieht das Verhalten eher als gegenseitige Bedrohung aus, dann aber recken die Vögel plötzlich die Hälse und drehen den Kopf weg, so dass sie den weißen Nacken präsentieren und so ihre Gesichtsmaske verbergen – bizarr und kompliziert...

 Vogelbalz - eine bizarre Welt
Foto (Holger Jürgensen): Weibliches Odinshühnchen Anfang August bereits im Katinger Watt - das Männchen kümmert sich noch in Lappland um die gemeinsamen Jungen

Die Vogelbalz beginnt meistens im Frühjahr. Gewöhnlich übernimmt das Männchen die führende Rolle. Interessanterweise gibt es dazu Ausnahmen : Sowohl beim nordischen Odinshühnchen als auch bei dem lappländischen Mornellregenpfeifer sind die Weibchen größer, und sie sind die“schöner“ gefärbten Partner. Dafür hat das Männchen die üblichen weibchen Pflichten des Brütens und der Betreuung der Jungen zu übernehmen...

Text und Foto:  Holger Jürgensen