Als der König Ceyx eine Schiffsreise in die Stadt Claros antritt, um das dortige Orakel über den Willen der Götter zu befragen, wird seine Frau Alcyone von bösen Vorahnungen geplagt. Und richtig : Das Boot sinkt während eines Sturmes, der König ertrinkt und wird anschließend an einem Ufer angespült. Der römische Dichter Ovid lebte zu Beginn unserer Zeitrechnung - immerhin zu den Klassikern der Weltliteratur gehörend - und berichtet in seinen „Metamorphosen“ ( Gestaltwandlung ), dass die Königin Alcyone wegen ihres unsagbaren Kummers zu einem Eisvogel mutierte. Als sie sich weinend über die Leiche ihres Mannes beugt, wird auch er in einen Eisvogel verwandelt. Diese Geschichte soll als Beispiel für die eheliche Liebe über den Tod hinaus dienen.

Auch als Vögel löste sich ihre eheliche Liebe nicht auf, berichtet Ovid weiter. Sie werden Eltern, und Alcyone bebrütet sieben Tage lang ein Gelege in einem Nest, das auf dem Meer schwimmt oder sich auf einem Felsen im Meer befindet, während der Gott Äolus, der Herrscher über die Winde, für eine ruhige See sorgt, und atzt weitere sieben Tage ihre Jungen – mitten im Winter ! Sieben Tage – kein Wunder, dass gläubige Menschen später die gleiche Länge der Schöpfungsgeschichte in die Diskussion brachten. Und die Kirchenväter bezogen den Eisvogel in ihre Vergleiche mit ein, um Ereignisse der Heilsgeschichte zu erklären. Die wundersame Stillung des Meeres beim Durchzug der Juden durch das Rote Meer und dem Hindurchtragen der Bundeslade durch den Jordan setzten sie der Beruhigung des stürmischen Meeres während der Brutzeit des Vogels gleich.

So lesen wir auch bei Aristoteles in seinen fabelhaften Naturgeschichten, dass weitere Sagen und Dichtungen die glänzende Gestalt unseres Eisvogels mit einer „Gloriole“ ( Heiligenschein ) umgeben. Selbst Shakespeare lässt unseren „bunten Edelstein“ Blüten über unbestattete Tote streuen. Der italienische Humanist und Dichter Francesco Petarka, der von 1304 bis 1374 lebte und durch seine Arbeiten eine starke Wirkung auf die europäische Liebeslyrik hinterließ, glaubte der damaligen Volksmeinung, dass das Aufhängen eines ausgestopften Eisvogels in einem Kleiderschrank nicht nur sich positiv auf den Hausfrieden auswirke, sondern auch die Motten vertreibe – was durchaus zu verstehen ist, weil der für Motten Wohlgeruch von Wolle sicher vom Gestank des toten Vogels überlagert wird …...........

Die Äbtissin der von ihr gegründeten Köster Rupertsberg und Eibingen, Hildegard von Bingen ( 1098 – 1179 ) schreibt in ihrem Werk „Von den inneren und äußeren Wesen der verschiedenen Naturen in der Schöpfung“, dass der Mensch nie erkranken würde, wenn er dort leben würde, wo der Eisvogel nistet. Sie trifft damit insofern den Nagel auf dem Kopf und nennt bereits damals das heutige, moderne Anliegen der Vogelschützer, weil Eisvögel gute Sicht und klares, sauberes Wasser benötigen. Die Äbtissin verliert sich dann aber wieder - ihrer Zeit gemäß – ins Mystische, wenn sie empfiehlt, einen Eisvogel ohne Kopf, Eingeweide und Federn in einem Topf über dem Feuer zu trocknen und anschließend zu pulverisieren. Dieses „Zeug“ nüchtern getrunken soll gegen Gicht helfen und vor einem Schlaganfall bewahren.

Der vorlutherischen Prachtbibel aus dem 14. Jahrhundert des König Wenzel ( Böhmen ), Sohn des Kaisers Karl IV., ist zu entnehmen, dass die sieben Schöpfungstage Gottes den sieben Bruttagen des Eisvogels ( s. o. ) entsprechen. In diesem Buch ist unser Vogel immer wieder als sinndeutendes und sinnverstärkendes Element eingebunden, wie aus den zahlreichen Bibelillustrationen zu erkennen ist.

Mit großem Interesse haben Vogelkundler eine Nachricht aus den letzten Monaten aufgenommen, die von einer Vorbildfunktion des Eisvogels für den Bau moderner Hochgeschwindigkeitszüge in Japan berichtete. Gefährliches Materialverhalten der Zugmaschine bei einer Einahrt in einen Tunnel konnten ausgeschlossen werden, nachdem man sich den stromlinienförmigen Körperbau des Kingfishers und seinen Tauchgang in das Wasser zum Maßstab für den Bau der Maschine wählte.

Für die Projektgruppe Eisvogel in der Vogelschutzgruppe Eutin – Bad Malente war es `mal ganz interessant, den „Blauen Diamanten“ von einer ganz anderen Seite zu „beobachten“.

Holger Jürgensen