Jäger und Fischer hatten im Mittelalter erlegte wilde Schwäne am königlichen Hof abzuliefern, und auch die Jagd auf diese Vögel war ein Vorrecht des feudalen Adels. Zudem war der Handel mit Schwanenfedern in vielen Ländern ein Privileg der Fürsten. Höckerschwäne gehörten in Deutschland zur „hohen Jagd“, und sie wurden – wie auch heute – nur mit der Kugel erlegt. Der große Ornithologe Johann Friedrich Naumann ( 1780 – 1857 ) beschrieb wilde Schwäne als ausgesprochen scheu, und ihr Winteraufenthalt fand an einsamen und abgelegenen Stellen statt – ganz sicher ein Ergebnis der damaligen intensiven Nachstellungen. Derart scheue Schwäne wird man heutzutage kaum noch finden.

Höckerschwan männlich   
Foto (Jürgensen): Der Höcker vor der Stirn gab ihm seinen Namen

Das Vorkommen des Höckerschwanes in Schleswig-Holstein war nahezu durch die Auswirkungen des ersten Weltkrieges und der darauf folgenden Notzeiten erloschen – trotz seines Anmutes und seiner Schönheit, der Hunger bestimmte das menschliche Verhalten, und der Höckerschwan hat so manchen knurrenden Magen beruhigt. Seine erneute Zunahme setzte zwar bereits in den 1930-er Jahren ein, jedoch der zweite Weltkrieg dezimierte diese Populationen erneut, die sich aber bereits in den 1950-er Jahren kompensiert hatten, da die Nutzung durch die ländliche Bevölkerung nachließ, die Nachstellungen allgemein abnahmen und eine viel geübte Winterfütterung einsetzte. Mit heute ungefähr 800 bis 1.000 Paaren in unserem Bundesland Schleswig-Holstein ist wohl ihre Umweltkapazität erreicht, wobei der Schwerpunkt der Verbreitung verständlicherweise in der Seenplatte des östlichen Landesteiles zu finden ist.

Nicht nur Anmut und Schönheit haben die Menschen zu allen Zeiten fasziniert, auch der kraftvolle Flug wilder Schwäne wurde bewundert. In der indischen Mythologie ritt der oberste Gott Brahma auf einem Schwan, und sein Wagen wurde auch von Schwänen gezogen, „der leichter als Gedanken war“.

Höckerschwan im Flug
Foto (Scheel, Scharstorf): Eleganter Flug des Höckerschwanes

Schwäne spielen in verschiedener Gestalt und Bedeutung eine Rolle in der Sagenwelt der Kelten und Germanen. König Artus ließ sich durch einen Schwan von der Jungfräulichkeit seiner Angebetenen erst überzeugen, als dieser aus der Hand des erwählten Mädchens Futter entgegennahm. Die verbildlichende Gleichsetzung des Schwanes mit Jungfräulichkeit kommt auch in der griechischen Literatur zum Ausdruck, und die Bezeichnung „Schwan“ ist noch heute in England für jungfräuliche Mädchen üblich. Im Nibelungenlied sind es Schwanenjungfrauen, die dem Hagen den Untergang der Burgunder weiß sagen, und auch im Gudrunlied sind es Schwäne, die den gefangenen Mädchen die baldige Befreiung ankündigen.

Ein Thema, das in der germanischen und slawischen Sagenwelt immer wiederkehrt, ist die Verwandlung von Prinzen in Schwäne – in Grimms „Märchen von den sechs Schwänen“ und in „Andersens Märchen von den elf Schwänen“ sind diese Sagen verarbeitet.

Lohengrin, der Held eines mittelhochdeutschen Liedes aus dem Ende des 13. Jahrhunderts, kommt auf einem von einem Schwan gezogenen Fahrzeug der bedrängten Herzogstochter Elsa von Brabant zur Hilfe. Der Vogel ist durch Wagners Oper unsterblich gemacht worden. Die Stadt Kleve nimmt für sich in Anspruch, der Geburtsort Lohengrins zu sein, und deshalb schmückt auch heute noch ein Schwan den ehemaligen Sitz des Herzogs von Kleve, die Schwanenburg.

Der Zauber der Legende und des Märchens ist in der Gegenwart von diesen Tieren genommen. Anmut und Schönheit jedoch, die den Beobachter in besonderer Weise ansprechen, sind geblieben.

Holger Jürgensen