Nicht verwertbare sowie auch nicht zu verdauende Nahrung wird bekanntlich von unseren Vögeln in Form von sogenannten Speiballen oder Gewöllen wieder ausgewürgt. Der mitfühlende Mensch fragt sich, was die Gefiederten wohl dabei empfinden, wenn „es ihnen hochkommt“. Unsere Beobachtungen anlässlich dieses Vorganges lassen den Verdacht aufkommen, dass wohl Vergleiche zum menschlichen, krankhaft bedingten Erbrechen nicht zu ziehen sind, gleichwohl in einer Verdauungspause erschreckte Vögel neben einer normalen Entleerung auch spontan Kropf- und Mageninhalte von sich geben können – vielleicht auch, um erleichtert auffliegen zu können. Wir beobachteten diesen Vorgang an Kormoranen am skandinavischen Eismeer und bei Silbermöwen im Dünengelände der Nordsee

unverdauter Kropfinhalt einer Silbermoewe
Fotos Jürgensen: Spontanverlust von unverdautem Kropfinhalt einer Silbermöwe

Es sind eine ganze Reihe von Vogelgruppen, die ihre harten und unverdaulichen Nahrungsreste wieder auswürgen. Form, Inhalt und Fundort der Gewölle können viele Aufschlüsse über die Vogelart und ihre Ernährungsgewohnheit geben. Am bekanntesten sind die Gewölle der Eulen. Da diese ihre Beute mehr oder weniger in einem Stück verschlingen und eine vergleichsweise geringe aggressive Verdauungsflüssigkeit besitzen, bleiben Knochen und andere harte Nahrungsbestandteile wie Fell, Federn und Chitinpanzer der Insekten intakt. Die Bestimmung der Nahrungsreste ist für den Spezialisten im Grunde dann sehr leicht.

Taggreifvögel würgen ebenfalls Gewölle aus, doch sie enthalten im Wesentlichen kleinere Bestandteile. In den Speiballen der Reiher und Eisvögel finden wir unverdauliche Gräten aus ihrer Fischnahrung. Krähen- und Möwengewölle fallen dagegen je nach der Zusammensetzung der Nahrung sehr unterschiedlich aus. So fanden wir bei der Lachmöwe offenbar nicht zu verdauende Gerstenkörner und am Brutplatz der Sturmmöwe Kerne von Kirschen, die sie sich von den reifenden Bäumen „stibitzt“ hatten. Die unverdaulichen Produkte von Watvögeln bestehen in der Hauptsache aus den harten Teilen meeresbewohnender Wirbelloser. Amselspeiballen auf dem Gartenweg enthalten verständlicherweise überwiegend Reste von Insekten – zum Beispiel Chitinpanzer der verspeisten Käfer.

Gewoelle unbekannter Vogel
Gewölle eines unbekannten Vogels mit Getreidekörnern

Detaillierte Gewölleuntersuchungen einer uns vorab bekannten Vogelart sind oft die einzige Möglichkeit, Auskünfte in Bezug auf ihre Nahrungsökologie zu erhalten. Speiballen, die Fell-, Feder- und Knochenreste enthalten, können jedoch mit der Losung einiger Raubsäuger, besonders der des Fuchses, der eine ähnliche Nahrung zu sich nimmt, verwechselt werden. Verwechslung liegt auch nahe beim Vergleich der Gewölle des Libellen fangenden Baumfalken und die des gleichfalls Insekten fressenden Igels. Frische Losung riecht aber immer streng „charakteristisch“ - Gewölleballen nicht. Selten findet man sie in der Landschaft verstreut, sondern gehäuft in landwirtschaftlich genutzten Gebäuden, unter Schlafplätzen in Bäumen oder an Kröpfplätzen.

Zu bestimmten Zeiten im Jahr besteht die Nahrung unserer Kuckucke zu einem wesentlichen Teil aus behaarten Raupen (z. B. die der Bärenspinner). Die Haare können die Vögel nicht verdauen, und sie sammeln sich daher in größeren Mengen im Magen und werden dann zusammen mit anderen Chitinresten als Gewölle ausgewürgt. Der zerbröselte Speiballen des Eisvogels dient überwiegend als Nistunterlage in der Brutröhre; manchmal findet man ihn aber auch in der unmittelbaren Nähe der Sitzwarte dieses Vogels. Gewölle des Weißstorches fühlen sich oft sehr fest an und sind auch beim Teilen zäh und klebrig, da sie nicht nur Fell, Federn und Wirbellosenreste enthalten, sondern oft auch viel Erde aus dem Darm der Regenwürmer, die einen wesentlichen Teil seiner Nahrung ausmachen.

Holger Jürgensen